Olympia Spezial I: Ein Wettlauf mit allen Übeln dieser Welt

Atlanta kommt über uns. Für wieder einmal drei höchst rekordverdächtige Wochen stehen, mit flächendeckender Überschallberichterstattung, die Spiele der XXVI. Olympiade der Neuzeit ins Haus. Allein die Öffentlich-Rechtlichen hierzulande werden eine tägliche Dosis abstrahlen, die weit mehr Programmzeit umfaßt, als der Tag Stunden hat. An die tausend Millionen Menschen in aller Welt, so die erwartungsfrohe Hochrechnung, werden Tag für Tag vor den Bildschirmen versammelt sein. Wo so viele hinschauen, da schauen wir alle hin.

Warum? Olympia - ist das nicht diese abstoßende Muskelmesse der Fetischisten des Körperkults, politisch auf unerträgliche Weise vielfach mißbraucht, vielen Herren zu Diensten, durchkommerzialisiert, manipuliert, in Teilen korrumpiert? Diese Bühne chemisch hochgepäppelten Athletentums? Diese lächerliche Ausgeburt der Ertüchtigungsphantasien des kleinen Barons C., die man längst aus der Welt hätte schaffen müssen? - Die Gesellschaft formuliert, wie sich's gehört, ihren intellektuellen Vorbehalt und ist weithin doch hellauf begeistert. Die Olympischen Spiele mögen von allen Übeln der Welt gezeichnet sein - es macht sie nur um so interessanter.

Seit hundert Jahren lebt die Coubertinsche Kreation nun mit ihren Verlogenheiten, großartigen Verlogenheiten. Man denke nur an das bis in die jüngste Zeit mit inquisitorischem Ingrimm hochgehaltene Amateurideal, das auch den höchstbegabten Sportler gnadenlos der Verbannung aussetzte, so er sein unschuldiges Gesicht auch nur neben einer Kaffeebohne ablichten ließ. Als IOC-Chef Juan Antonio Samaranch, durchaus im Einklang mit dem Trend, dem verfehlten Ideal schließlich den Laufpaß gab und damit den Großgewerbetreibenden aller sportlichen Branchen die Pforte öffnete, geschah dies keineswegs aus der Erkenntnis lange gepflegter Heuchelei, vielmehr aus der schlichten Einsicht in die Realitäten des Geschäfts. Nicht unbedingt ehrlicher sollte der Sport werden, aber attraktiver, sprich lukrativer. Die Welt hat es ihm mit gewaltig steigenden Honorarsätzen für die Fernsehrechte gedankt.

Im Top-Marketingverbund mit großen Unternehmen hat sich das IOC unter Samaranch auf bemerkenswert konsequente Weise der Vermarktung seiner selbst hingegeben. Welchen fundamentalen Prinzipien außer dem der wunderbaren Geldvermehrung es sich sonst noch verpflichtet fühlt, ist nicht leicht auszumachen. Ins Stammbuch ihrer "Rules and Regulations" wurde den Sachwaltern als Ziel der olympischen Bewegung einst geschrieben, durch Förderung jener physischen und moralischen Qualitäten, welche die Basis des Amateursports bilden, mitzuhelfen beim Bau einer besseren und friedlicheren Welt. Da steht es immer noch. Doch man hat sich, unbekümmert um die Worte der heiligen Schrift, passendere Ideale gesucht. Als sie aus Jubiläumsanlaß Athen die Ehre der Spiele 1996 geben sollten, wählten sie Atlanta - Coca-Cola ist immerhin auch schon über hundert Jahre alt.

Tradition verpflichtet, wenn sie nur einträglich genug ist. Frappierend die Bedenkenlosigkeit, mit der sich das Internationale Olympische Komitee entschloß, im Interesse einer besseren Erschließung der Pfründen die Winterspiele aus dem überlieferten Rhythmus der Olympiaden zu versetzen. Kassensturz ist jetzt alle zwei Jahre. Die Herren des IOC (noch immer ist es, bei 7 Frauen im 91köpfigen Gremium, ein Männerorden) verweisen gern darauf, das Geld sei nötig, ihre Unabhängigkeit zu sichern. Unabhängigkeit ist ihnen zu wünschen. Zur bloßen Organisation eines periodisch auftretenden Artistenzirkus, als den sie ihre Olympischen Spiele mehr und mehr zu betrachten scheinen, wäre sie freilich nicht zwingend erforderlich. Wo immer seine Autorität gefragt war, hat sich das IOC gern in die Armbeuge der Mächtigen geschmiegt. In dieser Rolle wäre es von einer Vertreterversammlung der Hauptsponsoren jederzeit leicht zu ersetzen.

Als der kürzlich verstorbene Willi Daume, gewiß kein olympischer Träumer, sich vor einigen Jahren aus dem Kreis verabschiedete, war er schon einer der letzten Rufer in der Wüste. Er warnte davor, sich in organisatorischen Fragen zu erschöpfen, Organisation bringe keinen Geist und kein Leben hervor. Es sah nicht so aus, als hätte man ihn verstanden oder überhaupt verstehen wollen. Utopien, Konzepte, Ideen, die über den Tag hinausgehen, sind von diesem IOC nicht zu erwarten, unter Samaranch weniger denn je.

Olympia Spezial I: Ein Wettlauf mit allen Übeln dieser Welt

Gewährleistung des Gottesfriedens auf Erden verlangt ja kein Mensch von den olympischen Göttern, nicht einmal für die Zeit der Spiele. Nach Berlin 1936 und Sarajevo 1984 kann in keinem Hirn mehr Platz sein für die überspannte Hoffnung auf eine bessere Welt unterm olympischen Sternenzelt. Doch selbst zur gelegentlichen Geste in Sachen kleines Menschenrecht hat sich das IOC nicht aufgerafft. Wie schon in Mexiko 1968, wo man das Elend in den Müllsiedlungen vor der Stadt hinter potemkinschen Kulissen versteckte, hat es auch in Atlanta 1996 ungerührt zugesehen, als die Obdachlosen aus der Stadt verfrachtet und unter fadenscheinigen Versprechungen der olympischen Infrastruktur zuliebe Behausungen der Ärmsten platt gemacht wurden.

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Das Olympiastadion

Einer Initiative französischer Frauen, die in diesen Tagen den männlichen Blick darauf lenken sollte, daß noch mehr als dreißig Länder der Welt ihren Frauen eine Teilnahme an den Olympischen Spielen fundamentalistisch-beharrlich verwehren, hat das IOC die kalte Schulter gezeigt. Die Rekordbuchhalter fühlen sich nicht zuständig.

Es gibt wenig Grund zu vermuten, daß diese ganz undemokratisch funktionierende, durch autonome Zuwahl ihrer Mitglieder stets im eigenen Saft gehaltene Institution IOC jemals Herr des bösesten Übels werden könnte, das den Sport befallen hat - wenn sie es denn mit aller Konsequenz überhaupt will. Der Mensch als Sportler ist längst an jene Grenze gestoßen, über die hinweg ihn seine natürlichen Leibeskräfte nicht mehr tragen. Wo auch das intensivste Training, die früheste biologische Begabtenauslese, alle herkömmliche medizinische und wissenschaftliche Hilfestellung den Rekord nicht mehr näher bringen, herrscht aber immer noch das olympische Gesetz: Schneller, höher, weiter! Fast zwangsläufig ist da der Griff zur chemischen Peitsche.

Das ist das Dilemma auf dem hohen Olymp: ohne Doping kaum noch Leistung, mit Doping kaum noch Ethos. In diesem Zielkonflikt haben sich Funktionäre, Athleten und selbst Sportmediziner in wachsender Zahl für die Leistung entschieden - Doping uneingestanden als Grundlage des Geschäfts, die Droge als Hochleistungsarznei. Ein Spiel mit dem Feuer. Von Zeit zu Zeit ist die Aufdeckung eines Skandalfalls als Nachweis angestrengter Kontrolltätigkeit willkommen, dahinter läßt sich das Ausmaß der Krankheit um so leichter im dunkeln halten. Allen Athleten, die in dieser Arena ehrlich kämpfen - es gibt sie noch -, bleibt der Trost, daß sie an Gesundheit gewinnen, was sie an Chancengleichheit verlieren.

Ambivalent wie die Haltung derer, die diese Dinge verantwortlich betreiben, ist auch die Haltung des Publikums. Es hat - so sind wir nun einmal - im Zweifel lieber einen Sieger mit allen Mitteln als keinen. Unter diesen Umständen jubelt jeder in eigener Verantwortung.

Olympia Spezial I: Ein Wettlauf mit allen Übeln dieser Welt