Als die Gesellschaft Deutscher Chemiker im Sommer 1994 beschloß, in zwei ihrer traditionsreichsten Zeitschriften, Liebigs Annalen und Chemische Berichte , nur noch englischsprachige Beiträge zuzulassen, stimmte die Chemie nicht mehr. Besonders bei den anorganischen Chemikern war die Erregung groß, eine Boykottbewegung begann sich zu formieren, und die Diskussion schwappte sogar auf die Leserbriefseiten der Tagespresse über. Die Rede war von der "Preisgabe eines Stücks nationaler Identität", von der "Tendenz zum kulturellen Einheitsbrei", von der "Ausrottung" der Sprache Lessings und Liebigs. Die Gesellschaft Deutscher Chemiker aber blieb fest: Ab Anfang 1997 wird es in beiden Zeitschriften keine deutschsprachigen Aufsätze und Meldungen mehr geben.

Die Gesellschaft hat Gründe. In den im deutschen Sprachraum herausgegebenen chemischen Fachzeitschriften für eine internationale Leserschaft tauchte Englisch erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf, aber seither befindet sich Deutsch dort auf einem stetigen Rückzug und nähert sich ohnehin der Nullgrenze. 1962 war ein Viertel der Beiträge in Englisch, um 1975 wurde die 50-Prozent-Marke passiert, 1987 waren es 72 Prozent. Weltweit sind heute über 80 Prozent aller Chemiepublikationen in Englisch abgefaßt und nur noch knapp zwei Prozent in Deutsch. Selbst neun von zehn deutschsprachigen Chemikern publizieren - auch - auf englisch.

Der vom Institute for Scientific Information (ISI) in Philadelphia ermittelte sogenannte impact factor mißt, wie oft wissenschaftliche Aufsätze im Durchschnitt zitiert werden - sozusagen die Resonanz, mit der ein Forschungsergebnis weltweit rechnen kann. Englischsprachige Aufsätze werden durchschnittlich 3,7mal zitiert, russische 0,9mal, deutsche 0,6mal, französische und japanische 0,5mal. Auf englisch publizierte Studien, heißt das, finden ein sechsmal so hohes Echo wie deutsche. Der impact ist keine esoterische, von allen weltlichen Interessen abgehobene Größe - sonst würde kaum so viel Aufwand getrieben, ihn laufend zu ermitteln. Für das berufliche Fortkommen jedes einzelnen Wissenschaftlers überall auf der Welt ist es von entscheidender Wichtigkeit, daß er publiziert, wo er publiziert, daß er zitiert wird, wie oft und von wem er zitiert wird.

Für die Herausgeber und Verlage naturwissenschaftlicher Fachjournale ist der Fall somit klar. Jene beiden Chemiezeitschriften etwa gehen zu achtzig Prozent ins nichtdeutschsprachige Ausland. Deutschsprachige Beiträge finden dort nur wenige Leser. Sie lassen sich vor der Veröffentlichung auch nicht der internationalen peer review unterwerfen, die die Qualität und das Ansehen der Journale garantiert, denn selten finden sich genügend Fachleute, die nicht nur "ebenbürtig", sondern auch noch des Deutschen mächtig sind.

Die Publikationssprache Deutsch, richtiger: Nichtenglisch, kapselt die Forschung gegen die nur zum kleinsten Teil deutschsprachige Fachöffentlichkeit ab, auf die sie sich doch in jedem Augenblick - nehmend wie gebend - bezieht. Da das den meisten Wissenschaftlern klar ist, veröffentlichen sie ihre großen, wichtigen Arbeiten gerne auf englisch und nur die zweite Wahl auf deutsch. Die im deutschen Sprachraum verlegten internationalen Fachzeitschriften laufen damit doppelte Gefahr, für ihre nichtdeutschen Abnehmer uninteressant zu werden - und bei der nächsten Sparrunde aus dem Anschaffungsetat dieser oder jener Bibliothek gestrichen zu werden. Der Wettbewerb ist hart und unbarmherzig, und für die Zeitschriften ist Englisch schlicht eine Überlebensfrage. Sonderbar, daß einige Wissenschaftler darin nicht die Spiegelung ihres eigenen Überlebensinteresses sehen. Was sie ihrer internationalen Fachöffentlichkeit vorenthalten, etwa durch eine dieser nicht geläufige Sprache, ist fast wie nicht vorhanden.

Stimmen aus dem Chor des Protests: "Gute Arbeiten werden auch in Deutsch zur Kenntnis genommen", "Deutsch wird zumindest in Europa zur zweiten Lingua franca", "Täte nicht auch Amerikanern und Briten ein wenig Fremdsprachenkenntnis gut?" Sie verkennen die Lage. Auch denen, die den Vorteil haben, daß Englisch ihre Muttersprache ist, täten Fremdsprachenkenntnisse sicher gut aber solcherlei Einsicht treibt die Belegschaft keines einzigen Labors in den nächsten Crashkurs, und wenn der eine oder andere sich ihr anschließen sollte, wird er nicht unbedingt gerade Deutsch lernen, übrigens auch dann nicht, wenn er überzeugt sein sollte, daß deutsche Kollegen gute Arbeit leisten, denn gute Arbeit wird immer auch anderswo geleistet. Da die Fremdsprachenkapazität gering ist - die meisten glauben, Wichtigeres vorzuhaben und keine Minute dafür erübrigen zu können -, wird er, wenn er sich der Mühe denn schon unterzieht, eher die Sprache wählen, die in seiner Nachbarschaft gesprochen wird, die er auf seinen Reisen am besten gebrauchen kann oder deren Kulturraum ihm schlicht am sympathischsten ist. Deutsch hat da keine besonders guten Karten. Es ist auch nirgends dabei, zur Lingua franca zu werden.