Schon jetzt ist das Sprachproblem Sand im Getriebe des Einigungswerks. Zwar ist das Ziel hochsinnig: Wahrung der kulturellen und damit auch sprachlichen Vielfalt, "Bürgernähe". Aber es wird den Mittlerdiensten immer schwerer, Schritt zu halten. Da immer mehr Worte gesprochen, geschrieben, geändert werden, gibt es immer mehr, das eigentlich zu übersetzen wäre, aber leider noch nicht fertig ist und vielleicht auch nie fertig wird und werden kann - das vielleicht auch gar nicht fertig werden muß, weil die Betroffenen das betreffende Papier längst in einer der beiden Hauptarbeitssprachen gelesen haben und es nie wieder von irgend jemandem gelesen werden wird. Und jede neu hinzukommende Sprache bedeutet, daß die Zahl der Sprachpaare, die hin- und herzuübersetzen wären, mit ihr nicht um eins steigt, sondern um die jeweilige Zahl aller Amtssprachen. Vor der Erweiterung von 1995 waren es neun Amtssprachen mit 72 Sprachpaaren. Mit Finnisch und Schwedisch wurden es elf, mit 110 Kombinationen. Kämen nur noch fünf weitere hinzu, so ergäben sich rund dreihundert. Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Nicht nur, weil das schon heute nur mit Müh und Not und nur für die Abschlußdokumente aufrechterhaltene Prinzip "alle Sprachen in alle" dann die Geschäfte doch zu sehr aufhielte und wahrscheinlich auch allseits für unbezahlbar befunden würde. Es werden sich einfach nicht mehr die nötigen Übersetzer finden. Die seltenen Sprachpaare (Finnisch-Portugiesisch, Niederländisch-Schwedisch) sind bereits heute kaum besetzbar; vor Paarungen wie Dänisch-Ungarisch müßte das Personalbüro wahrscheinlich ganz kapitulieren.

Bei den seltenen Sprachkombinationen behilft man sich heute oft mit sogenannten Relaissprachen: Aus einer "kleinen" wird zunächst in eine der zentralen Verständigungssprachen übersetzt - also Englisch oder Französisch - und aus dieser weiter in die anderen kleinen. Das erübrigt viele der seltenen Kombinationen und ist damit eine beträchtliche Vereinfachung, aber es verdoppelt das Fehlerrisiko und kann darum nur ein Notbehelf sein. Erleichterung kann allein eine gewisse sprachliche Standardisierung bringen, etwa bei den vielen Ausschreibungen für Bau- und Dienstleistungen. Von der Maschinenübersetzung ist kein Palliativ mehr zu erwarten.

Es nützt rein gar nichts, die Augen vor dem mißlichen Umstand zu verschließen, daß das Fehlen einer Lingua franca (oder zweier) die Europabehörden schon heute stark behindert und sie irgendwann in die allergrößten Schwierigkeiten bringen wird. Ihr Fall wird immer unmißverständlicher demonstrieren, was eine Lingua franca wert ist. Zu Hause mag jeder sprechen, was er will; auch mit den europäischen Organen muß er in seiner Sprache verkehren können. Aber am großen internen überstaatlichen Palaver können nicht alle Sprachen gleichberechtigt teilnehmen. Es sind die weiseren Länder, die sich beizeiten darauf einstellen.

In der Wissenschaft war Deutsch wirklich einmal eine Art Lingua franca, vor allem in dem Raum, der heute MOE heißt, Mittelosteuropa. Russische oder baltische oder tschechische Gelehrte sprachen nicht nur Deutsch, wenn sie mit Deutschen zu tun hatten, sondern oft auch untereinander; teilweise publizierten sie auf deutsch. Bis in die dreißiger Jahre mußten sogar amerikanische Chemiker Deutsch können.

Aber das war einmal und wird nie wieder sein. Ein Japaner, Minoru Tsunoda, hat sich 1983 die Mühe gemacht, hundert Jahre Referatenorgane durchzuzählen. Danach lagen international Französisch und Deutsch bis etwa 1910 gleichauf: Etwa 25 Prozent der Publikationen entfielen auf jede; Englisch war, mit etwa 35 Prozent, aber auch damals schon die meistverwendete Sprache. Nach 1910 begann Französisch kontinuierlich abzusinken und Englisch anzusteigen, bis jenes um 1980 bei etwa drei Prozent angekommen war und dieses bei 74 Prozent. Dem Deutschen erging es genau wie dem Französischen, nur mit einer Zeitverzögerung von zehn Jahren: Bis etwa 1920 stieg es noch leicht an, seitdem fiel es im gleichen Tempo zurück, 1980 lag es bei vier Prozent.

In welche Fachgebiete das Englische heute am weitesten vorgedrungen ist, hat vor einigen Jahren die Sprachwissenschaftlerin Sabine Skudlik ermittelt. Am weitesten ist der Prozeß in den Grundlagenwissenschaften gediehen. Aus der deutschen Biologie und Teilen der Chemie ist Deutsch als Publikationssprache fast gänzlich verschwunden. Nur noch in wenigen, stark praxisbezogenen Disziplinen veröffentlichen deutschsprachige Naturwissenschaftler mehr auf deutsch als auf englisch (so in der Geo- und der Forstwissenschaft, der klinischen und der Veterinärmedizin). Geistes- und Sozialwissenschaftler tun es überall dort, wo sie sich nur an eine inländische Fachöffentlichkeit wenden oder wo die Sprache nicht nur Medium, sondern Teil des Gegenstands ist, in dieser Reihenfolge: Literaturwissenschaft, Pädagogik, Theologie, Jura, Geschichte.

In diesen Bereichen stellte der Zwang, in einer Fremdsprache zu publizieren, ein nicht nur marginales Handicap dar und wäre die Quelle endloser Mißverständnisse. Bei vielen der zentralen Begriffe lauern die Faux amis, die falschen Freunde in anderen Sprachen, Wörter, die dasselbe zu bedeuten scheinen, deren Bedeutungsumfang jedoch ein anderer ist und deren Bedeutungskern an anderer Stelle liegt. Science ist nur bedingt Wissenschaft, academic ist nicht deckungsgleich mit akademisch, faculty so gut wie nie mit Fakultät, consciousness nicht immer mit Bewußtsein, character nur selten mit Charakter, federal bedeutet in England und in Amerika etwas Verschiedenes, methodic ist eher systematisch als methodisch, selbst ein index ist eigentlich kein Index, sondern ein Register, während reference keine Referenz (also keine Empfehlung ist, sondern ein Verweis oder eine Quellenangabe, und humanities sind nie und nimmer Humanismus, aber auch Geisteswissenschaft trifft die Sache nicht genau, eher Kulturwissenschaft, während das Wesen der deutschen Geisteswissenschaften einem nicht deutsch sprechenden Kollegen nur sehr schwer klarzumachen ist. Kaum ein Begriff, der bei einem erfahrenen Übersetzer nicht eine Warnlampe aufleuchten ließe. Man versteht den Hang, sich im internationalen Diskurs an die taufrischen, geschichtlich relativ unbeschwerten Kunstwörter zu halten, Kognition oder Motivation oder Signifikanz. Es wird lange dauern, bis Neuprägungen und Bedeutungsverschiebungen ein gegen Mißverständnisse gefeites internationales Begriffssystem geschaffen haben.