Heinrich Bölls berühmtes "Irisches Tagebuch" beginnt mit einer ziemlich unglaubwürdigen Schilderung. Als er in Liverpool an Bord des Dampfers nach Dublin ging, "roch es schon nach Torf, klang kehliges Keltisch aus Zwischendeck und Bar".

Das "kehlige Keltisch" ist als Umgangssprache der Iren schon seit langem so gut wie ausgestorben. Es ist zwar die erste Landessprache, so zumindest steht es in der irischen Verfassung, wird jedoch nicht einmal im Parlament benutzt. Die Iren sprechen "Hiberno-Englisch", wie Linguisten ihren Dialekt nennen. Logischerweise verstand Böll im Folgenden dann ja auch jedes Wort einer von ihm belauschten Konversation.

Es gibt in Deutschland eine romantische Bezauberung durch das Keltische. Und es gibt eine Wissenschaft, die sich ähnliche Freiheiten wie die Dichtung herausnimmt. Die Keltologie. Im April 1992 fand in Gosen bei Berlin das "Erste Symposium deutschsprachiger Keltologen" nach der Vereinigung statt. In seinem Einführungsreferat beschrieb Karl Horst Schmidt von der Universität Bonn , damals führender Vertreter seines Fachs, das Primäranliegen seiner Zunft als "die stärkere Institutionalisierung der Erforschung und Pflege keltischer Sprache und Kultur". Die Notwendigkeit hierfür ergebe sich nicht nur aus der "großen Tradition deutschsprachiger und deutscher Keltologie", sondern aus dem "zusammenwachsenden Europa mit Irland als keltischem Staat und Großbritannien und Frankreich als Partnern mit bedeutenden keltischen Minderheiten."

Die moderne Republik Irland ist, wie jeder weiß, ein demokratischer, kein "keltischer Staat". Die überwältigende Mehrheit der "keltischen Minderheiten" auf den britischen Inseln spricht wie die Iren Dialektformen des Englischen. Es wäre zum Beispiel ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen, unter den Anhängern des Fußballclubs Celtic Glasgow ein Wort Gälisch aufschnappen zu wollen. Nur in Wales gibt es größere Gebiete, in denen Kymrisch tatsächlich die Sprache des Volkes ist. Die alten Sprachen sind heute in erster Linie Waffen im Arsenal nationalistischer Politik. Die Wiedereinführung des Gälischen ist eines der fünf Kriegsziele der IRA.

Keltologie? Das stellt man sich so schnurrig vor. Abhandlungen über die "Doppelte Markierung des Akkusativs beim Transitivum" und "Die Reflexe der keltischen Suffixvarianten -io- vs. -iio-" im Altirischen, Untersuchungen über "Variationen schottisch-gälischer und irisch-gälischer Dialekte anhand von Vogel-, Pflanzen- und Insektennamen" und Diskurse über "Bretonisch-englische Lehnbeziehungen".

Über solche Fragen zerbrechen sich die meisten Keltologen tatsächlich den Kopf. Aber die Führer der Gilde verfolgen seit langem höhere Ziele. Nichts weniger als die "Rückvergälung" der von französischer und angelsächsischer Aufklärung an den Rand gedrängten Kulturen. Professor Schmidts Formulierungen sind der Diktion nicht unverwandt, mit der ein Ministerialdirektor Werner Best in einem Schreiben an die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Berlin um Fördermittel für die Deutsche Gesellschaft für keltische Studien nachsuchte. Er halte die keltische Arbeit, heißt es in dem Brief, "unter den Gesichtspunkten des politischen Fernzieles, die keltischen Völker Westeuropas an die neue europäische Ordnung zu binden", für dringend notwendig. Er weist besonders auf Arbeiten hin, die er für geeignet halte, "den Bretonen das deutsche Interesse an ihrem Volkstum und Geistesleben zu beweisen und hierdurch die politische Aktivierung des Bretonentums zu fördern". Der Brief ist mit "Heil Hitler!" unterzeichnet. Best verfaßte ihn am 8. Mai 1942 in Paris, wo er dem Vaterland als Kriegsverwaltungschef im besetzten Frankreich diente.