ZEIT: Wie im alten Rom?

Maucher: Übertriebene Sicherheit, übertriebener sozialer Schutz, weniger Arbeit, bequemes Leben, mehr Hedonismus als Engagement für die Firma, Auflösung der Familien, statt über den Familienverband einen großen Teil der sozialen Probleme zu lösen - Sie können die ganze Palette durchgehen. Wenn Seneca und Hedonismus herrschten, war das in der Regel der Anfang vom Ende. Wir haben im Moment eine Reihe solcher Merkmale, aber wir haben auch Möglichkeiten, die Probleme zu lösen.

ZEIT: Sie reden von den Hedonisten. Aber gleichzeitig gibt es fünf oder sechs Millionen Menschen, die keine Arbeit haben, und in den Städten trifft man immer mehr Obdachlose.

Maucher: Unsere Arbeitslosen werden relativ gut bezahlt. Und wir wissen, daß mit Prosperität auch - und das ist ein hartes Wort - ein gewisser "Wohlstandsmüll" entsteht: Leute, die saufen, Drogen nehmen, sich abgemeldet haben. Für Menschen die wirklich arbeiten wollen, gibt es immer noch Arbeit.

Trotzdem bleibt die Arbeitslosigkeit ein Problem. Aber die Ursache dafür ist eben, daß unser Standort nicht mehr wettbewerbsfähig ist, daß wir die Flexibilität verloren haben. Es gibt dafür Lösungsansätze, aber dafür müssen einige harte Entscheidungen getroffen werden.

Der Bundeskanzler versucht gerade einiges. Schon schreien die Gewerkschaften und auch die Kirchen, das sei das Grausamste, was es auf der Welt gibt. Da muß man sich schon die Frage stellen: Sind wir noch in der Lage, etwas zu ändern?

ZEIT: Die Produktivität steigt in den letzten Jahren stärker als die Produktion. Das verursacht doch die Arbeitslosigkeit.