Sabine Christiansen lächelt gequält. Sie kann sich plötzlich nicht mehr auf ihre Moderationstexte konzentrieren, die sie gerade in den Laptop tippt. In einem Wohnmobil direkt an der Oderbrücke in Frankfurt bereitet sich die "Tagesthemen"-Moderatorin auf ihre Sendung vor. Auf das Dach trommelt seit Stunden der Regen, und Christian Herrmann, der Chef vom Dienst (CvD), liest ein Fax vor, das gerade aus der Redaktion in Hamburg gekommen ist. Ein Fernsehkritiker macht sich da lustig über die Ost-Tour der Nachrichtenleute: "Sabine Christiansen, man merkt es ihr an, weiß nicht recht, was sie da soll. Das Komische ist: Sonst weiß es auch niemand." Herrmann versucht zu trösten. Christiansen guckt bockig. "Wir wissen genau, was wir hier wollen." Herrmann nickt.

Zwei Wochen lang sind die "Tagesthemen" im Sommerloch quer durch die neuen Bundesländer und Berlin unterwegs. Täglich außer Freitag - da läuft der gewohnte "Bericht aus Bonn" - werden die Zuschauer zu einer "aufschlußreichen Entdeckungsreise" eingeladen. "Wir wollen im Osten mehr Zuschauer gewinnen und gleichzeitig im Westen mehr Verständnis für die Probleme der neuen Länder wecken", erklärt Ulrich Deppendorf, der Chefredakteur von "ARD-aktuell".

Mehr Zuschauer haben die "Tagesthemen" im Osten dringend nötig. Rund vierzig Prozent weniger Leute als im Westen schalten dort allabendlich um 22.30 Uhr die ARD ein. Überhaupt haben die Privatsender in den neuen Ländern bessere Quoten als die öffentlich-rechtlichen: RTL ist der bei weitem beliebteste Sender, hat mehr als zehn Prozent Vorsprung vor ZDF, Sat.1 und der ARD, die alle etwa gleichauf liegen. Der Trend weg von den "Tagesthemen" - in den vergangenen zehn Jahren verloren sie die Hälfte der Zuschauer - ist im Osten besonders stark.

Dort schaut man lieber Magazine wie "Explosiv" oder "Schreinemakers live". Es scheint, als hätten sich die "Tagesthemen" auf ihrer Ost-Tournee darauf eingerichtet: Die Beiträge über die jeweils besuchte Region stellen "Wissenswertes" und "Unterhaltsames" vor, nicht zu tiefschürfend, eher touristisch als journalistisch und zutiefst provinziell, vor allem zu Beginn der Tour. "Die Beiträge waren teilweise wirklich schlecht", räumt Sabine Christiansen ein. "Wir müssen erst Erfahrungen sammeln", entschuldigt Chefredakteur Deppendorf.

In Wismar, der ersten Station, tänzelt Sabine Christiansen durch hübsche Kellergewölbe und lobt die "Wismeraner" - die sich selbst eher Wismarer nennen - für die vielen, vielen renovierten Häuser. So bekommt der Zuschauer im Westen gezeigt, wohin sein Solidarzuschlag geflossen ist. Und dem Ostler wird bestätigt, "wie schön es hier auch sein kann".

Mit der Fahrt durch elf ostdeutsche Städte - von Warnemünde über Görlitz und Naumburg bis Schmalkalden - will die ARD die Neubundesbürger zu den "Tagesthemen" bekehren. Die Stationen wurden mehr oder weniger willkürlich ausgewählt, nur eine Ansammlung von "Krisenherden" sollte es nicht werden. "Wir wollten vor allem Städte, die wir üblicherweise nicht in der Sendung haben", so Christian Herrmann, der ein halbes Jahr Arbeit in die Vorbereitung der Tour gesteckt hat. Noch bis zum 21. Juli stellen die "Tagesthemen" jeden Abend auf Plätzen oder vor historischen Gebäuden ihre Showbühne auf.