Bei allem genreüblichen Eklektizismus duldet sie keine Beliebigkeit: "HipHop", sagt Me'Shell Ndegéocello, "ist musikalische Dekonstruktion."

Wenn sie ihren trockenen Baßläufen (bei Steve Coleman gelernt) Rap-, Disco- und Soul-Fragmente unterwirft, dann nicht als Material, sondern als Symptome historischer Traumata, die erinnert, wiederholt und durchgearbeitet werden müssen. Auf Peace Beyond Passion geht es dabei ums Ganze: um die schwarze Musik und ihre christliche Omnipotenz- und Erweckungsphantastik (Maverick/Reprise 9362-46033, Vertrieb WEA).

Gleichwohl, bei aller ideologiekritischen Entschiedenheit: Die Frau hat Humor. Besingt sie "pretty white Jesus" als Symbolfigur rassistischer Unterdrückung, gurgelt im Hintergrund eine Gospelchor-Travestie wie ein Haufen ungeladener Gäste. Rapt sie zum patriarchalen Frauenbild in der Bibel, fällt ihr gar Gott persönlich ins Wort: eine üble Vocoder-Stimme. Kaum aber hat sie einige Zeilen Genesis rezitiert, wird sie ausgeblendet es folgt orgiastisches Saxophongeschrei und abgeschmacktes Gitarrengegniedel.

Doch selbst solch blasphemische Gemeinheiten gibt es nicht campig-kitschig, sondern ostentativ undynamisch und resonanzlos, bar jeder Lust am Zitat. Es regiert Gleichmut: Kaum ein Solo besitzt das richtige Timing am Ende fallen die Arrangements eher entzwei, als daß sie redlich zum Abschluß gebracht würden. Dennoch paßt alles, irgendwie, aneinander. Die kühle Indifferenz, mit der Me'Shell ihr musikalisches Material montiert, spiegelt den verlorenen Glauben wider, aus dem HipHop ließe sich eine "eigene", geschlossene musikalische Sprache gewinnen. Es bleibt beim Fragment.