ADE HAYDÉE! Aber das war doch erst gestern. Eine schlanke, nein: zerbrechliche, nein: eisenharte junge Tänzerin läßt sich nicht an der Hand, sondern im Arm ihres jungenhaften Choreographen John Cranko auf die Bühne führen zum Applaus - in Stuttgart, im pietistischen Württemberg. "Des G'hopse will i net im Blatt!" murrte Josef Eberle, Herausgeber der Stuttgarter Zeitung damals, 1961. Zu spät. Die Stuttgarter, die Württemberger, bald die Deutschen und die Tanzfreunde überall auf der Welt hatten sich längst in die zierliche Tanz-Athletin verliebt, die nicht nur elfenhafte Ballerina war, sondern Rhapsodin mit den Füßen, eine geballte Ladung Dramatik, ein weißer Strich, der den ganzen großen dunklen Bühnenkasten füllte, sprengte, zum Leuchten brachte. Ja, das ist fünfunddreißig Jahre her. Wir hören es, als die noch immer zarte Erscheinung bei ihrem letzten Auftritt jetzt in Stuttgart in der Rolle der Tanzlehrerin (in Béjarts Ballett "Gaité Parisienne") den jungen Eleven ausschimpft - in makellos breitem Schwäbisch, das ihr Publikum jubeln läßt: "Aus dir werd nie ebbes weare! Wann d' danze wellscht, n' muescht schaffe! schaffe!

schaffe!" Sie hat immer "g'schafft", die 1937 in Niterói/Brasilien geborene Tochter eines Arztes. Von ihrem schönen Namen Marcia Haydée Salaverry Pereira da Silva sind geblieben die zärtlichen, immer mit Respekt, Verehrung, schließlich Liebe gesprochenen zwei Silben: Marcia. Sie hat sie alle getanzt, gelebt: Julia und Tatjana, Schwäne und die im Ballett geliebten Nachtgespenster - und ist so in die Rolle der TagfürTag-Frau, der Schafferin des Stuttgarter Balletts gewachsen, die nach Crankos frühem Tod 1976 die Truppe zusammengehalten hat. Jetzt tanzt Marcia Haydée weiter, in unserer Erinnerung, im Herzen.