Die Toten können Geschichten erzählen, wenn man weiß, wie man sie zum Reden bringt. In der Leichenhalle der Gerichtsmedizin von Suffolk County auf Long Island suchten Doktor Charles Wetli und sein zehnköpfiges Pathologen-Team hinter heruntergelassenen Jalousien nach Hinweisen, wie die 230 Passagiere des TWA-Fluges 800 von New York nach Paris ums Leben kamen. Die Leiche eines von einer Bombe getöteten Menschen sieht anders aus als die eines Menschen, der bei einem "gewöhnlichen Flugzeugabsturz" umkommt.

Das Fleisch von Bombenopfern ist zerfetzt, kann versengt und durch Chemikalien verätzt sein. Doch die meisten der von Wetli und seinem Team untersuchten Leichen ließen darauf schließen, daß der Aufprall auf dem Wasser zum Tode geführt hatte, ein anderthalb Minuten währender Fall aus vier Kilometer Höhe in einen schrecklichen Tod.

Vielleicht werden die Experten herausfinden, wie die Passagiere starben - zu gegebener Zeit. Doch einfach wird es nicht sein, und schnell wird es wohl auch nicht gehen. Seit dem vergangenen Wochenende wurde der Meeresgrund vor New York entlang der Küste von Long Island bei teils heftigem Wellengang mit leistungsfähigen Sonarsystemen abgesucht, um die black boxes mit dem so wichtigen Flugschreiber und dem voice recorder aufzuspüren. Doch obwohl die Boxes mit Peilsendern ausgestattet und sie leuchtend orange lackiert sind, fehlte bis Mitte dieser Woche noch jede Spur von ihnen. Werden sie doch noch gefunden, wird man vielleicht die letzten Worte der Piloten erfahren und einen Blick auf die letzten Instrumentenanzeigen des Flugzeuges werfen können. Am Samstag ortete ein Sonargerät eine Spur des Wracks, die Taucher zum Flugzeugrumpf führen könnte. Aber erst am Dienstag konnten die Sonarexperten ein erstes neun mal achtzehn Meter großes Stück des Rumpfes auf dem Meeresboden ausfindig machen, und seit Dienstag auch sollen Laboruntersuchungen klären, ob auf einem Tragflächenfragment, das nahe am Laderaum saß, tatsächlich Spuren von explosiven Chemikalien nachweisbar sind. In einer riesigen Flugzeughalle in der alten Grumman-Fabrik in Calverton, Long Island, bereiteten sich die Ermittler darauf vor, die zerborstene 747 Stück für Stück penibel zu rekonstruieren. Nach dem Absturz eines Pan-Am-Jumbo-Jets über Lockerbie in Schottland Weihnachten 1988 - dem bisher schlimmsten und mysteriösesten Terroranschlag auf ein Passagierflugzeug - war es Spezialisten binnen einer Woche gelungen, aus den in einem Umkreis von rund 130 Kilometern gefundenen Trümmern ein zu neunzig Prozent komplettes Geisterflugzeug nachzubauen. Ein Stück Plastik von der Größe eines Fingernagels war schließlich der Beweis dafür, daß eine Bombe den Flug Pan Am 103 vom Himmel geholt hatte. Im Falle des Fluges TWA 800 müssen die Suchtrupps ein Gebiet von rund 800 Quadratkilometern durchforsten - nicht an Land, sondern auf dem Boden des Meeres, in Tiefen zwischen 30 und 45 Metern.

Bis jetzt ist als Erklärung für die Katastrophe noch alles denkbar.

Möglich ist immer noch, daß ein technischer Defekt das Flugzeug hat abstürzen lassen. Die Maschine war 25 Jahre alt. Längst ist Trans World Airlines nicht mehr die amerikanische Renommierfluglinie, sondern ein vom Konkurrenzdruck unter dem open sky gebeuteltes Billigunternehmen (siehe Alter Name, alte Mühlen, S. 10), das gezwungen sein könnte, an den Wartungskosten zu sparen. Ein gebrochener Bolzen an einer Triebwerksaufhängung zum Beispiel könnte durchaus eine der mit Kerosintanks bestückten Tragflächen zur Explosion gebracht haben.