Die Vorstellung, man könnte ausgerechnet auf der Isle of Man Labour-Chef Tony Blair für die heraufziehenden Parlamentswahlen die Daumen drücken, mutet eigentlich abwegig an. Der kleine keltische Inselstaat ist eine trotzige Bastion erzkonservativer Werte. Man schätzt zopfige Rituale wie den alljährlichen Tingwald auf einer prähistorischen Grabstätte, bei dem Honoratioren und Zünfte den Beschlüssen des Manx-Parlaments in Englisch und Keltisch lauschen. Noch kürzlich wurden trotz gemeinsamen Drucks Großbritanniens und der Europäischen Union die Prügelstrafe und das Verbot der Homosexualität nicht aus dem Gesetzeswerk der Insel gestrichen. Die Isle of Man, seit den Zeiten der Wikinger unabhängig, läßt sich von London außen- und verteidigungspolitisch vertreten, ansonsten verbittet sie sich jegliche Einmischung.

Doch malerische Uniformen und exotische Zeremonien sollten den Betrachter nicht täuschen - längst hat die Isle of Man den Sprung ins Zeitalter globaler Finanzmärkte geschafft und profitiert auch von den dunkleren Seiten. Herren, die mit Koffern voller Bargeld aus London oder Dublin einfliegen, sind kein ungewöhnlicher Anblick auf der Insel, auf der sich 35 000 Briefkastenfirmen niedergelassen haben.

"Singapur kann mit der Isle of Man nicht mithalten", schwärmt ein amerikanischer Bankier. Sein Lob bezieht sich nicht allein auf einsame Landschaften, prachtvolle Landhäuser und zahllose Golfplätze. Die geschäftlichen Aussichten gelten ihm als "brillant".

Auf den Konten der Banken liegen heute bereits fünfzehn Millarden Pfund. Diese stattliche Summe dürfte weiter anschwellen. Die Steuervorteile der Isle of Man haben sich herumgesprochen. Der Chief Financial Officer der Insel, John Cashen, klingt euphorisch, wenn er von den Zukunftsaussichten spricht. Hier wie auf anderen Off-shore-Steuerparadiesen, den Kanalinseln Jersey und Guernsey, auf den Bermudas, aber auch in Irland, rechnet man fest mit einem Wahlsieg von Labour.

Längst haben Absetzbewegungen begonnen. Wieviel Kapital in den letzten Monaten aus Großbritannien herausgeflossen ist, läßt sich schwer sagen. Aber Finanz- und Steuerberater in der City machen keinen Hehl daraus, daß der Ruf "Labour ante Portas" ihnen zahllose neue Kunden zuführt und lukrative Kommissionen verschafft. Das Finanzunternehmen KPMG ging besonders eifrig ans Werk. Es verschickte Analysen fürs pre-election taxplanning an Unternehmen sowie wohlhabende Privatkunden und bot landesweit 150 Seminare an.

Das Interesse war riesengroß. Allerdings war KPMG denn doch zu weit und vor allem öffentlich vorgeprescht. Labour protestierte aufs schärfste, weil das KPMG-Papier allen Einkommensbeziehern ab 40 000 Pfund pro Jahr (rund 92 000 Mark) prophezeite, sie würden unter einer Labour-Regierung "sehr viel weniger verfügbares Einkommen" haben. Tony Blairs Partei empfand dies als "bewußte Irreführung".