Wenn der Hausherr von Haus 26, einem schmalen Fachwerkbau der Franckeschen Stiftungen aus dem Jahre 1710, an seinem Schreibtisch sitzt, arbeitet er Aug' in Aug' mit den barocken Portraits von vier Vätern des hallischen Pietismus: August Hermann Francke, Philipp Jakob Spener, Gotthilf August Francke und Johann Anastasius Freylinghausen. Schweift sein Blick nach rechts, sieht er gleich neben der Tür im Wechselrahmen seinen Comicliebling Hägar den Schrecklichen. Udo Sträter, der 1992 als Professor für Kirchengeschichte und Pietismusexperte von der Bochumer Universität an die Martin-Luther-Universität in Halle wechselte, fürchtet Widersprüche nicht. Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, weiß: Je bunter die Zutaten, um so kreativer die Mischung.

Für Friedrich den Großen wie für Friedrich Engels waren Pietisten "Mucker", weltferne, bigotte Frömmler. Nur als Begründer der autobiographischen Literatur ließ man sie gelten, deren tiefe, gefühlvolle Schau in die eigene Seele gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein Meisterwerk wie den "Anton Reiser" des Karl Philipp Moritz hervorbrachte.

Doch entgegen dem Klischee sind die Gründungsväter des klassischen Pietismus, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts mit radikalen Parolen und alternativen Projekten die lutherische Kirche aufmischte, alles andere als angepaßt oder engherzig.

Seit der Senat der Universität im April 1995 dem Kooperationsvertrag zwischen Universität und Franckeschen Stiftungen zustimmte, ist in Halle erstmals eine konzertierte wissenschaftliche Aktion institutionalisiert worden, um der deutschen Pietismusforschung einen neuen Schub zu geben, Forschungsvorhaben zu koordinieren, zu betreuen und anzuregen: das Interdisziplinäre Zentrum für Pietismusforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Verbindung mit den Francke schen Stiftungen.

Das Wortungetüm ist die Folge einer komplizierten Rechts- und Faktenlage. Da ist einmal die wissenschaftliche manpower, die Theologieprofessoren der Universität, und da sind zweitens die unerschöpflichen Quellen, die jedes Forscherherz höher schlagen lassen. Aber alle Handschriften zur Geschichte des Pietismus im Archiv sowie über 100 000 Bücher in der Bibliothek sind Eigentum der Franckeschen Stiftungen in Halle, seit die Stiftungen 1991 wieder eine eigene "Rechtspersönlichkeit" wurden.

Der Kooperationsvertrag führt Menschen und Material zusammen und beendet zugleich eine Konstruktion, die nach der Wende die hallische Pietismusforschung dem neuen Internationalen Zentrum für Aufklärung zugeschlagen hatte. Nicht ganz ohne innere Logik, da die Universität Halle - an die der Pietist und lutherische Pastor August Hermann Francke als erster Professor für orientalische Sprachen berufen wurde - bei ihrer Gründung 1692 Deutschlands modernste Hochschule war, ein Zentrum der Frühaufklärung. Jetzt gibt es zwei getrennte Institutionen, und das wird vor allem einer differenzierten Sicht des Pietismus gerecht. Udo Sträter, in Personalunion Professor an der theologischen Fakultät und Geschäftsführender Direktor des neuen Interdisziplinären Zentrums, erklärt: "Der hallische Pietismus kann nicht verstanden werden mit Kategorien wie Innerlichkeit, Subjektivismus oder religiösem Individualismus. Er verstand sich als und er war eine religiös-soziale Reformbewegung mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch." Und diese Bandbreite macht den verkannten Pietismus so spannend und modern. Vor allem in Preußen - aber durch ihre missionarischen Boten ebenso in Osteuropa und Rußland, von Nordamerika bis Indien - hatten die Hallenser Einfluß auf Pädagogik und Politik, Wissenschaft und Medizin, Literatur, Übersetzungen und Armenwesen.

Von diesem interdisziplinären Anspruch ausgehend, hat Direktor Sträter, Jahrgang 1952, dem Zentrum zwei langfristige Aufgaben gesetzt: eine neue wissenschaftliche Francke-Biographie - die letzte ist über hundert Jahre alt - und eine umfassende Geschichte des hallischen Pietismus. Beides ist überfällig. Doch für eine Gesamtschau fehlen noch unzählige Einzelstudien, da die bisherigen Arbeiten zu punktuell und zu begrenzt waren.