Ouled Ayesh, Mitte April 1996. Vor den Augen ihrer entsetzten Schülerinnen wird der Französischlehrerin Ouarda Chekiret die Kehle durchgeschnitten. Die GIA, die Bewaffnete Islamische Gruppe, hatte die Region fünfzig Kilometer südlich von Algier zur "befreiten Zone" erklärt und Unterricht in französischer Sprache verboten.

Ouarda Chekiret weigerte sich zu gehorchen und mußte dafür sterben.

Über das Verbrechen, das die Regierung Zeroual geheimhalten wollte, berichtete die algerische Tageszeitung La Tribune, ausländische Medien griffen den Fall auf. In Algerien herrscht heute mehr denn je ein Klima der Unsicherheit, der Spannung, eine trügerische Ruhe, die jeden Moment zu explodieren droht. Informationen über ihr Land erhalten die Algerier fast nur noch über radio trottoir - den Mundfunk. Denn mit einer immer strikteren Zensur versucht die algerische Regierung, ein ungetrübtes Bild von der "Rückkehr zur Normalität" zu zeichnen und die eigene Bevölkerung, aber auch das Ausland über die wahre Situation im dunkeln zu lassen.

Seit dem Abbruch der Wahlen 1992 wurden nach Angaben von Frauenorganisationen in Algerien über 700 Frauen gezielt Opfer islamistischer Gewalt, auch Frauen, die sich verschleiert hatten. Weil sie sich in den Augen der Islamisten "unmoralisch" verhielten, weil sie alleine oder unverheiratet lebten, weil sie arbeiteten oder sich weigerten, den Schleier zu tragen, wurden sie entführt, vergewaltigt und in vielen Fällen bestialisch ermordet. Dennoch besiegen heute viele junge Algerierinnen ihre Angst. In den Straßen von Algier treten sie selbstbewußt in engen Jeans, geschminkt und mit offenen Haaren auf, viel weniger Frauen als noch vor zwei Jahren verschleiern sich.

"Der Haß gegen die Frau hat vor vielen Jahren begonnen, angefangen mit dem Familiengesetz, das 1984 noch von der FLN, der Einheitspartei, verabschiedet wurde und das die Frauen aller Rechte beraubt", sagt Houria Saihi. Die vierzigjährige geschiedene Fernsehjournalistin erhielt selbst Morddrohungen. Mit ihrer Tochter zog sie in das ehemalige Urlaubsviertel Moretti, das von der Armee bewacht wird.