In den goldeneren Jahren der Bundesrepublik bestand die beste Kulturpolitik darin, keine zu haben und zu machen. Es war auch gar keine nötig. Die Institutionen waren geschaffen und begehrten nur, vom Staat reibungslos alimentiert und im übrigen in Ruhe gelassen zu werden. Hin und wieder kamen Leute und trugen den Kulturverwaltungen neue Projekte vor. War das Geld da, wurde dann etwas Neues kreiert. So wuchs die Kulturszene fast von allein. Konzeptionelle Überlegungen des Unterhaltszahlenden waren nicht nur überflüssig, sie wären ihm als ungebührliche Einmischung ausgelegt worden.

Heute, in der Zeit der Einschränkung, rächt es sich, daß die Politik jedes Mitdenken verlernt hat. Es fehlen die Köpfe, es fehlen die Steuerungsinstrumente, es fehlt selbst aller guter Rat: nicht im jeweils lokalen Filz befangene Gremien, die Sachverstand bündeln und an die Politik weitervermitteln könnten. Nicht, daß auch in Kultur und Wissenschaft gespart werden muß, ist das Erschreckende, sondern die Hilf- und Kopflosigkeit, mit der es geschieht, in Frankfurt, in Sachsen und anderswo, vor allem aber in Berlin.

Noch hat Berlin den Schock des Frühjahrs nicht verkraftet, noch ist nicht klar, ob und wie und in welchem Maß die letzten Sparbeschlüsse umgesetzt werden können, da kommt schon die nächste Hiobsbotschaft. Der Tagesspiegel machte ein internes Papier der Finanzsenatorin publik, in dem sie darlegt, welche weiteren Einsparungen sie für 1997 durchsetzen will. Der prozentual mit Abstand größte Sparbeitrag soll dem Ressort Wissenschaft und Kultur auferlegt werden.

Um noch einmal 35,6 Prozent soll es seine "konsumtiven" Ausgaben herunterfahren, 43 Millionen bei der Kultur und 160 Millionen bei Wissenschaft und Forschung. Berlin wird durch seine seit 1993 immer rascher aufeinanderfolgenden Sparbeschlüsse bis zum Anfang des nächsten Jahrtausends 30 000 Studienplätze abgeschafft, aus seinen drei Universitäten eine herausgeschmolzen haben. Wird der neue Plan Wirklichkeit, wird es selbst zu den anvisierten 85 000 Studienplätzen nicht mehr reichen. Stünde dahinter doch wenigstens irgendeine rationale Überlegung, derzufolge Berlin Hochschulen, Museen und Bühnen eher entbehren könne als anderes! Dann ließe sich darüber wenigstens streiten. Aber die einzige erkennbare Logik hinter dem Plan der Finanzsenatorin - so schlicht wie aus ihrer Warte wohl zwingend - besteht darin, den Haushalt nach "disponiblen" Mitteln zu durchkämmen, nämlich solchen, auf die niemand gesetzliche Ansprüche erheben kann.

Professoren wie Bühnenarbeiter haben gesetzliche Ansprüche auf ihren Lohn, daran läßt sich nicht sparen. Also geht es an die "konsumtiven" Mittel: Sanierungsmaßnahmen, Sachmittel für Bibliotheken und Institute und Inszenierungen, befristete Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter - und das in einem Moment, da die Kultureinrichtungen durch die vorhergehenden Kürzungen schon hart an die Grenze ihrer Operationsfähigkeit manövriert wurden, da viele Bibliotheken kein Buch mehr anschaffen können, da in großen Teilen der Hochschullandschaft bereits totaler Einstellungsstopp gilt. Studenten haben eben keinen gesetzlichen Anspruch darauf, erträgliche Studienbedingungen vorzufinden, sowenig wie der Bürger Anspruch darauf hat, daß die Oper spielt.

Konzeptionelles Gestalten in einer Phase der Expansion ist leicht und ruhmvoll. In einer Phase der Schrumpfung ist es bitter und brutal, aber noch sehr viel dringender notwendig, nicht nur in Berlin, denn auch der Verzicht auf konzeptionelle Gestaltung gestaltet - Trümmerlandschaften. Bei rechtzeitigen chirurgischen Spareingriffen hätten möglicherweise wenigstens die verbleibenden Studenten unter akzeptablen Bedingungen studieren können. Was jetzt bevorsteht, ist die Paralyse auf breiter Front. Noch tröpfeln nur vereinzelte Nachrichten: das Internationale Institut für traditionelle Musik am Ende, die Bibliothek von Alexander von Humboldts Erdkundeverein zum Verkauf, das einzigartige Kennedy-Institut der Freien Universität ruiniert. In den nächsten Monaten werden solche Nachrichten nun dicht an dicht kommen.