Wieder und wieder durchsucht Anette Rieding

den Briefumschlag.

Ein Kreditvertrag über 40 000 Mark sollte darin sein. Doch in dem grauen Couvert findet sie nur Formulare und unverbindliche Anträge - und dafür hat die promovierte Chemikerin 236 Mark Nachnahmegebühr bezahlt. Der Mann am Telephon hat sie hereingelegt. Die Annonce, die "Geld per Post" versprach, die Formulare, die sie ausfüllen mußte - alles Schwindel. Auf einen Kredithai mit irrsinnigen Zinsen wäre Anette Rieding sicherlich nicht hereingefallen. Aber heute läuft die Masche anders: Wer in Geldnot ist, wird geschröpft, ohne daß er auch nur eine müde Mark Kredit sieht. "Kapitalvermittlung" heißt das Geschäft, bei dem unseriöse Makler immer trickreicher abkassieren.

Mal nehmen sie ein paar hundert Mark Vermittlungsgebühren, mal langen sie mit sechsstelligen Honoraren für sogenannte Wirtschaftsgutachten richtig hin. Nur der versprochene Kredit kommt nie zustande. "Das Problem hat massiv zugenommen", klagt Stefanie Laag von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. In schlechten Zeiten boomt der Schwindel mit Krediten - ein "Konjunkturdelikt", sagen Kriminologen.

1600 neue Betrugsfälle hat allein eine Sonderarbeitsgruppe der Berliner Polizei im vergangenen Jahr auf den Tisch bekommen. Im pfälzischen Frankenthal rüstet die Staatsanwaltschaft gar ihre Computeranlage auf, um im Kampf mit europaweit organisierten Kreditgaunern mithalten zu können. Anfang des Jahres durchsuchte die dortige Staatsanwaltschaft die Büros eines Netzwerks von Vermittlungsfirmen in Holland, Belgien und Deutschland und beschlagnahmte massenhaft Kundendaten. "Die Ermittlungsarbeit hat unvorstellbare Dimensionen angenommen", stöhnt der Frankenthaler Ermittler Klaus Bullmeier.

Die Opfer der Betrüger sind keineswegs nur verzweifelte Sozialhilfeempfänger.