Hat sich die Misere am Lehrstellenmarkt endlich bis nach Bonn herumgesprochen? SPD-Chef Oskar Lafontaine probt darob sogar die große Koalition. Wie zuvor schon Bildungsminister Jürgen Rüttgers, empfiehlt auch er, ausbildungsunwillige Betriebe bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen auszuschließen. Der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten, Rudolf Scharping, kündigt für Anfang 1997 einen Gesetzentwurf seiner Partei an, mit dem Ausbildungsverweigerer - immerhin zwei Drittel der Unternehmen - zur Kasse gebeten werden sollen. Und Kanzler Kohl will Manager nicht mehr auf Auslandsreisen mitnehmen, die dem Nachwuchs keine Chance geben.

Mit solch schillernden Seifenblasen läßt sich die Not der Schulabgänger gewiß nicht lindern. Für die 120 000 Jugendlichen, die jetzt noch einen Platz in den Betrieben suchen, kommen alle diese Vorschläge zu spät. Viele von ihnen müssen fürchten, im Wettlauf um Lehrstellen auf der Strecke zu bleiben. Dies ist ein Armutszeugnis für Politiker, die den leeren Versprechungen der Unternehmer bisher nichts als leere Drohungen entgegenzusetzen wußten. Es ist aber auch ein Armutszeugnis für die Unternehmer, die noch weit entfernt sind von den zehn Prozent zusätzlichen Ausbildungsplätzen, die sie dem Bundeskanzler vor einem Jahr zugesagt hatten. Ihre Verbandsoberen beruhigen derweil ihr schlechtes Gewissen mit hilflosen Appellen an ihre Mitglieder. Zugleich suchen sie Ausflüchte: Die Lehrlingsvergütungen seien zu hoch, und manche Ausbildungsplätze blieben nach wie vor unbesetzt.

Immer noch gehört die Bundesrepublik zu den reichsten Ländern der Welt. Sollte es da wirklich nicht möglich sein, vernünftig für den Nachwuchs zu sorgen? Immer noch gilt auch das deutsche Ausbildungsmodell als vorbildlich in der ganzen Welt. Doch hierzulande wird es Stück für Stück zerstört. Man könnte meinen, im rauhen Wind des internationalen Wettbewerbs sei das Verantwortungsbewußtsein von Politikern und Wirtschaftskapitänen verlorengegangen. Denn selbst wenn es in diesem Jahr letztlich doch noch gelingen sollte, die jungen Leute irgendwie unterzubringen, ist das Problem nicht vom Tisch. In den kommenden zehn Jahren wird der Bedarf an Lehrstellen weiter steigen. Sich vor einer grundsätzlichen Lösung zu drücken ist verantwortungslos.

Schließlich sind die Folgen der Ausbildungsverweigerung offenkundig: Über kurz oder lang wird die Wirtschaft über Fachkräftemangel klagen - ein gravierender Standortnachteil. Gefahr droht auch durch die wachsende Jugendarbeitslosigkeit und deren Folgen für Renten- und Arbeitslosenkassen. Sie ist, wie jeder weiß, eine der Ursachen für das Anwachsen von Kriminalität und Radikalismus unter Jugendlichen. Wer die junge Generation so sträflich vernachlässigt, darf sich nicht wundern, wenn sie sich aus der Gesellschaft verabschiedet.

Und dann steht mehr auf dem Spiel als das duale Ausbildungssystem.