Rollschuhlaufende Teenager schlängeln sich im Kungsträdgarden durch die flanierenden Menschenscharen, plaudern per Mobiltelephon mit Freunden. Am Sergelsplatz, vor dem Stadttheater, spielen Kids in der taghellen Nacht Basketball. Die Luft- und Wasserverschmutzungsanzeiger auf den Marmorobelisken am Raoul-Wallenberg-Platz blinken beruhigend niedrige Werte. An den bis in die Innenstadt reichenden Landungsbrücken machen windschnittige Fährschiffe fest. Schweden, die lichthelle Veranstaltung von Modernität und Wohlstand, wie es leibt und lebt.

Doch seit bald zwei Jahren, seit die See in einer stürmischen Herbstnacht im September 1994 die Bugklappe der Fähre Estonia auf der Fahrt von Tallinn nach Stockholm aus ihrer Verankerung riß, liegt ein Schatten der Beklommenheit über dem Land. Das Schiff kippte um wie ein Hochhaus ohne Fundamente. Die Kabinen und Korridore wurden zu Todesfallen. 852 Leichen liegen bis heute in dem Schiffsrumpf eingeschlossen auf dem Meeresgrund. Die Wasserleichen lassen den Schweden keine Ruhe. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht die eine oder andere Zeitung Neues und Wiederaufbereitetes über die Unglücksfähre bringt. Der Fernsehkanal TV 4 nimmt das Thema immer wieder auf.

Spricht man den Namen des unglückseligen Schiffes aus, huscht auch über die Gesichter Nichtbetroffener ein Schatten. Aus dem nationalen Trauma wurde ein bitterer Streit.

Die Regierung will das Wrack einbetonieren und zur Grabstelle erklären. Angehörige der Opfer dringen darauf, die Toten zu bergen und an Land zu bestatten. Aus den Tiefen der Gefühlswelt brodeln enigmatische Urempfindungen an die glatte Oberfläche der lichthellen Veranstaltung staatlicher Vernunft. Verdrängte Vorstellungen vom dinglichen Körper als Gefängnis der Seele erleben eine säkulare Wiedergeburt. Das in siebzig Meter Meerestiefe aufgedunsene und in Zersetzung befindliche Zellgewebe lange Verstorbener gewinnt eine alte Wichtigkeit wie im Totenkult von Naturvölkern. Die Geschichte der Estonia ist eine Geschichte vom Scheitern der Vernunft im Angesicht des Todes.

"In jeder Kultur", verteidigt sich Lennart Berglund, "gibt es das Bedürfnis, die Toten heimzuholen. Das liegt in der menschlichen Natur. Auch ein Toter ist der Zweig eines Baumes. Unsere Gesellschaft hat das Bewußtsein dafür verloren, was sie ihren Toten schuldet."

Berglund ist ein Schwede wie aus dem Bilderbuch. Ein klar geschnittenes Gesicht, hell und offen. Wenn er, Sozialdemokrat sein Leben lang, aus Borlänge im mittelschwedischen Bezirk Kopparberg nach Stockholm kommt, wohnt er im preiswerten "Prize-Hotel", einer Ikea-Version des Hotelgewerbes. Er kommt dieser Tage ziemlich oft nach Stockholm.