Eines haben das Weiße Haus in Washington, das Hauptgebäude des weltgrößten Konzerns Mitsubishi, die Nato-Zentrale und der Vatikan gemeinsam: Auch im Jahr 1996 ist es kaum vorstellbar, daß eine Frau dort die Hausmacht übernimmt. Ebenso läßt sich in den Fabriken der Vereinigten Staaten, auf den Feldern Südafrikas und in den Büros in Deutschland eine Gemeinsamkeit feststellen: Die Frauen arbeiten dort meist für weniger Lohn und haben geringere Aufstiegschancen als die Männer.

Jahrzehnte nachdem die Frauenbewegung erstmals die geschlechtsspezifische Diskriminierung angeprangert hat, kommt eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) zu einem bitteren Ergebnis. Zwar werden immer mehr Frauen berufstätig - mittlerweile arbeiten fast 45 Prozent der weiblichen Weltbevölkerung gegen Entlohnung. Doch hat die wachsende Beteiligung am Erwerbsleben die traditionelle Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt kaum grundlegend geändert. Im Gegenteil: Weltweit werden immer noch über neun Zehntel der Führungsposten von Männern besetzt.

Frauen verdienen in der Industrie und im Dienstleistungssektor durchschnittlich ein Viertel weniger als die Männer. Und die neuen weiblichen Arbeitskräfte drängen vor allem in schlecht bezahlte, ungesicherte Jobs. In den Entwicklungsländern ist ihr Einkommen daher oft so gering, daß sie auch der Lohn nicht von der Armut befreit. Dabei ermöglicht gerade ihre billige Arbeitskraft vielen Ländern meist erst die exportorientierte Industrialisierung.

Der ILO-Bericht dokumentiert diesen alltäglichen Skandal. Besonders interessant wird er jedoch deshalb, weil er nicht bei der Analyse stehenbleibt: Die ILO zählt nicht nur die verschiedenen Arten der Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt auf sie stellt auch Ansätze zur Überwindung dar, beschreibt positive Beispiele und schlägt ihren Mitgliedsstaaten konkrete Maßnahmen vor.

Pragmatisch analysiert die Studie die unterschiedlichen Instrumente der Frauenförderung: Es geht der malaysischen Autorin Lin Leam Lin dabei nie um die Rechtfertigung politisch korrekter Mittel, sondern immer um das Ziel der Chancengleichheit. Das ermöglicht überraschende Schlußfolgerungen. Deutlich wird das am Beispiel der Arbeitsgesetzgebung. Nicht selten hat sich in der Vergangenheit gezeigt, daß Gesetze, welche die Arbeitsbedingungen von Frauen verbessern sollten, das Gegenteil bewirkt haben. Sie verringerten deren Chancen, überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen. Daher schlußfolgert die Autorin zu Recht, daß spezielle gesetzliche Schutzmaßnahmen für Frauen generell eher abzulehnen sind.

Nur eine Ausnahme scheint ihr sinnvoll: der besondere Schutz von Schwangeren und Müttern. Doch selbst hier überrascht eine auch in Deutschland nicht verwirklichte Forderung. Die Lasten des gesellschaftlich erwünschten Schutzes sollten ganz von der Gesellschaft und nicht zum Teil von den Arbeitgebern getragen werden. Nur so kann verhindert werden, daß die Arbeitgeber aus ökonomischen Gründen männliche Arbeitskräfte vorziehen - eine Praxis, die auch hierzulande üblich ist Frauen im gebärfähigen Alter finden schwieriger einen Arbeitsplatz.