Das Aufmarschgebiet

Sage hinterher niemand, das Chaos sei nicht ordentlich organisiert worden. Seit Tagen streifen Kundschafter durch das Aufmarschgebiet.

Zum Beispiel durch die Schaufelder Straße, von der man seit den Chaos-Tagen 95 weiß, warum sie sich für Straßenschlachten eignet: eine Altbauschlucht, zu eng für Wasserwerfer, eng genug für Barrikaden, mit lauter Innen- und Gewerbehöfen als Rückzugsräumen.

Die besten Aussichtsplätze für die Chaos-Tage 96 sind längst vergeben, auf den hochgelegenen Balkonen werden Kameraleute hocken. Die Gastwirte der Straße sind weniger erlebnishungrig, sie haben massive Rolläden vor die Fenster montieren lassen. Der Penny-Markt, den Punks vor einem Jahr unter den Augen der Polizei plünderten, sieht inzwischen aus wie ein Bunker: Der Eingang ist mit einer massiven Stahltür verrammelt, und dort, wo einst wohl Fenster waren, ziert ein Graffito den Putz: "Punx not dead". Gegenüber, im Wohnprojekt Sprengel-Fabrik, richten die Bewohner einen Erste-Hilfe-Posten ein, falls sich Punks und Polizei wieder direkt vor der Tür gegenseitig mit Pflastersteinen bewerfen sollten.

Nahezu jeder in der Schaufelder Straße ist davon überzeugt, daß die Akteure des vergangenen Jahres unter Wiederholungszwang leiden und an diesem Wochenende die Schlacht am Originalschauplatz nachstellen wollen. Die 550 Verletzten sind längst kuriert. Es scheint, als laufe der Countdown für einen neuen Gewaltausbruch - die Chaos-Tage 96.

Gerade drei Wochen nach der Berliner Love Parade fürchtet Hannover jetzt das Gegenstück: die Hate Parade. Nicht 600 000 fröhliche Mainstream-Jugendliche werden über die Stadt herfallen, sondern erwartet wird eine auf häßlich getrimmte Randgruppe 2000, vielleicht 3000 bunthaarige Kids, womöglich verstärkt um ein paar hundert Skins, Hooligans und Autonome, die Punks zwar verachten, aber trotzdem kommen. Sie alle hoffen auf eins: Randale.