Daß der Kosmos räumlich eine sphärische Gestalt besitze, bewies im 13. Jahrhundert Roger Bacon mit einem recht bemerkenswerten Argument: Die Rotation der Körper würde sonst ein Vakuum erzeugen.

Moralisch erzeugt das nichtholistische Welt- und Menschenbild des (christlichen) Abendlandes seit Jahrhunderten in immer schnellerer Drehung ein immer größeres Vakuum, denn es kreist einzig um den Menschen. Unter Sittlichkeit versteht es allein die Rücksicht auf den Menschen, und am Menschen sieht es als Träger der Sittlichkeit einzig das Denken, die praktische Vernunft. Beides hängt miteinander zusammen: ökologisch die Isolation des Menschen von der ihn umgebenden Natur und psychologisch die Isolation der Vernunft vom Gefühl.

Die Strukturbedingung einer solchen Ethik ist die Unterdrückung: anthropologisch in der Unterwerfung des Empfindens und des Fühlens unter das Diktat des Denkens, kosmologisch in der "Dienstbarmachung" der Welt durch das wachsende Herrschaftswissen der Neuzeit.

"Wachset und mehret euch", und: "Machet euch untertan", und: "Herrscht über die Tiere" - diese "göttlichen" Worte am Anfang der Bibel (Gen 1,28) sind sicher nicht der Grund, wohl aber der vollkommenste Ausdruck dieser radikalen Anthropozentrik von Religion und Ethik im Abendland. Die pflichtweise Zerstörung der Gefühle ebenso wie die mutwillige Zerstörung der Natur an unserer Seite bedingen einander und treiben sich immer rascher voran: Die verwüstete Welt verinnerlicht sich als Wüstenei der Seele, und die Angst vor dem Hohlraum des eigenen Inneren rückentäußert sich als Vergleichgültigung, als "Neutralisierung" immer größerer Bereiche der Weltwirklichkeit.

Zwei Beispiele: Massentierhaltung und Überbevölkerung mögen zeigen, wo wir heute stehen. Durch die Rinderseuche BSE (Spongiforme Enzephalopathie) ist zu Recht die Ernährung von Rindern mit Schlachtabfällen ins Gerede gekommen, doch ist es offensichtlich die gesamte Art des Umgangs mit "Schlachtvieh", die nicht zu rechtfertigen ist. "Artgerecht"?

Nehmen wir, statt der britischen, nur die deutschen Verhältnisse.

63 Prozent aller Rinder, einschließlich Kälber, werden in Großbeständen von über 100 Tieren gehalten, über 66 Prozent der Mastschweine, 83 Prozent der "Legehennen" werden in Beständen von über 1000 Tieren gehalten, bei den "Masthühnern" beträgt die Zahl sogar 99 Prozent.

Was diese Zahlen tatsächlich bedeuten, mag die "normgerechte" und "normale" Lebensgeschichte eines Kälbchens in deutschen Stallungen verdeutlichen: Acht Tage nach seiner Geburt wird das "Jungtier" von seiner Mutter getrennt und in die "Mastanstalt" transportiert, wo es mit Medikamenten vollgepumpt wird und als Nahrung fortan einen Magermilchtrunk erhält, der zu Durchfällen und allmählichem Austrocknen führt. Das Tier erhält aber kein Wasser, es soll durstig auf den zunehmend mit Nährstoffen angereicherten Milchpudding bleiben, den man auf 38 Grad erwärmen muß, um weitere Durchfälle zu vermeiden. Die Folgen: Die Tiere schwitzen beim "Essen", Juckreiz tritt auf, so daß die Tiere sich mit der Zunge zu lecken beginnen dabei geraten die ausgerissenen Haare in den Pansen und bilden Fäulnis und Giftstoffe.

Das alles geschieht, damit die Kälber jeden Tag mehr als ein Kilogramm zunehmen. In den Milchpudding wird nur sehr wenig Eisen gemengt, damit die Tiere blutarm bleiben und ihr Fleisch später auf dem Tisch schön weiß aussieht. Schwere Atembeschwerden und Kreislaufstörungen stellen sich ein doch man kann sie vernachlässigen, denn bald schon wird das Kälbchen seinen Sarg aus vier Brettern verlassen, um mit Hunderten anderer Unglücklicher im städtischen "Schlachthof" "angeliefert" zu werden. In seinem ganzen Leben hat es nie eine Weide betreten, es hat nie mit seinesgleichen gespielt und getollt, es hat nie den Himmel und die Sonne gesehen. Sein Leben war eine einzige Qual, die den "Züchtern" und "Tierhaltern" indessen als so "erfolgreich" gilt, daß sie unter dem Konkurrenzdruck der EU-Marktrichtlinienordnung inzwischen zur Standardmethode auf den existenzbedrohten Höfen zählt und als geradezu vorbildlich in die Länder der Dritten Welt exportiert wird.

Und so geht es allen "Nutztieren". Allein in der Bundesrepublik vegetieren mehr als 250 Millionen von ihnen auf diese Weise dahin.

Hühner in Käfigen, deren Fläche so "groß" ist wie eine Schreibmaschinenseite Schweine in lebenslanger "Anbindehaltung", ohne Streu, auf Betonböden, einzige Bewegungsform: aufstehen, hinlegen, fressen und sterben.

Natürlich weiß man, daß die Massentierhaltung in keiner Weise als "artgerecht" zu betrachten ist, doch was verschlägt das gegen die "Eigengesetzlichkeit" des Marktes? Die ökonomischen "Sachzwänge" treiben in Frankreich und Deutschland etwa siebzig Prozent aller Bauern in den Ruin, schon weil die Politik der Regierungen auf die Profitmaximierung des Großkapitals besonders in der Zulieferindustrie dieses so naturwidrigen Umgangs mit lebenden Wesen hinausläuft.

In unserem Zusammenhang ist jedoch ein Gesichtspunkt besonders bemerkenswert: Die ganze gigantische Tierquälerei stellt sich zuallererst selber in Frage, sobald sie die unmittelbaren Interessen von Menschen berührt, nicht früher und nicht später. Dann aber genügt eine bloße medizinische Mutmaßung, um, wie im Falle von BSE, vier Millionen Tiere per Gesetz zum Tod zu verurteilen und ihre Kadaver in den Verbrennungsöfen der Kraftwerke zu "entsorgen".

Und eben das ist der Punkt, bis zu welchem Extrem Tiere rechtlos sind gegenüber menschlichen Ansprüchen. Völlig undiskutierbar zum Beispiel ist eine Politik, die aus dem selbstgeschaffenen Desaster des "Rinderwahns" die entsprechenden Konsequenzen ziehen würde: sofortige Rückkehr zur "grünen" Landwirtschaft, wirtschaftliche Stützung der Kleinbauern, Stopp von Fleischverzehr aus Massenzuchtanstalten.

Mit anderen Worten: ein intensives Nachdenken auch über unsere Nahrungsgewohnheiten. Von alldem nichts, nicht ein einziges Wort.

Statt dessen eine noch genauere "Überprüfung" des "Schlachtfleischs", eine noch verstärkte Pathologisierung der "Tierhaltung". Die "Nutznießer" der Katastrophe werden mit Sicherheit erneut die Massentierhalter und die "Billigfleischerzeuger" sein.

Irgend etwas stimmt da nicht. Jeder kann das merken, hoffentlich.

Moral nämlich, so lehrt uns das Beispiel, bedeutet bis heute nichts weiter als menschlicher Artenegoismus, als die Durchsetzung der Lebensinteressen einer Spezies gegen die Interessen aller anderen Lebewesen oder, genauer gesagt, bestimmter finanzstarker Sondergruppen der menschlichen Spezies gegen den Rest der Welt.

Am klarsten wird das durch ein anderes Beispiel: die Überbevölkerung der Menschheit auf dem Planeten Erde. Folgt man etwa den Ausführungen von Papst Johannes Paul II., der sich immerhin als Sprecher von 900 Millionen Menschen versteht und zugleich als Stellvertreter Gottes auf Erden, so ist es nicht allein als eine "schwere Sünde" verboten, im Kampf gegen die größte Gefahr der Menschheit heute, gegen die Überbevölkerung, künstliche empfängnisverhütende Mittel einzusetzen und eine resolute Geburtenkontrollpolitik zu propagieren.

Am 5. September 1984 rief das Oberhaupt dieser Kirche anläßlich einer Generalaudienz die Katholiken der Welt auf, auch die von der römischen Kirche gebilligten "natürlichen" Methoden der Empfängnisverhütung nicht dazu auszunutzen, die Zahl der Kinder zu reduzieren es sei ein Mißbrauch, wenn Eheleute diese Möglichkeiten dazu benutzten, die Zahl ihrer Kinder unterhalb der "für ihre Familie moralisch richtigen (!) Geburtenrate" zu halten also nicht so viele Kinder, als sie sich irgend "leisten" könnten, in die Welt zu setzen.

Es scheint, daß es Grenzen gibt, von denen an Ignoranz und Arroganz, Traditionalismus und Unfehlbarkeitswahn, wenn in höchster Position vertreten, den Straftatbestand fahrlässiger Tötung erfüllen doch zur "Entschuldigung" des Papstes muß man sagen, daß er in gewissem Sinne nur ausspricht, was die abendländische Ethik zur Selbstvergewisserung der absoluten Anspruchsrechte der menschlichen Spezies seit eh und je vertreten hat. Es mag sein, daß es dem Oberhaupt der katholischen Kirche auch darum geht, vor allem in Ländern wie Nigeria den schwindenden geistigen Einfluß seiner Religionsgemeinschaft auf dem Wege biologischer Ausbreitung zu kompensieren doch in jedem Falle herrscht uneingeschränkt eine Ethik vor, die in der Wahrung des eigenen Gruppeninteresses den eigentlichen Maßstab sittlicher "Verantwortung" erkennt.

Was dabei im Rahmen des Bevölkerungsproblems "verantwortet" werden müßte, machen bereits ein paar Vergleichsdaten deutlich. Im Jahre 1811 lebten auf Erden nur rund 1 Milliarde Menschen es brauchte gut 100 Jahre, bis 1927, um die Zahl auf 2 Milliarden Menschen zu verdoppeln im Jahre 1960, also 33 Jahre später, lebten bereits 3 Milliarden Menschen auf Erden, dann genügten ganze 14 Jahre, um die Menschheit erneut um 1 Milliarde Menschen zu vermehren.

Bereits 1987 zählte man 5 Milliarden Menschen, im Jahr 1996 ist die 6 Milliardenmarke bei weitem überschritten.

Jede Minute werden heute 150 Menschen geboren, jeden Tag 220 000, jedes Jahr mehr als 80 Millionen 90 Prozent des Zuwachses entfallen auf die Entwicklungsländer. Im Jahre 2010 dürfte die Weltbevölkerung mehr als 7 Milliarden Menschen umfassen, und dann, schon 12 Jahre später, wird sie die Rekordmarke von 8 Milliarden erreicht haben.

All diese Menschen benötigen Nahrung, Kleidung, Wohnung, Energie, medizinische Versorgung, Arbeit, Infrastruktur - mit einem Wort: Umweltzerstörung in nie gekanntem Umfang. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit stehen wir vor der Frage, ob wir weiter das exponentielle Wachstum der menschlichen Spezies befürworten wollen oder ob wir weniger Menschen zum Ziele nehmen, damit die Weltmeere und Flüsse, die tropischen Regenwälder und die Savannen, die Wattenmeere und die Feuchtgebiete, die Hochalpen und die Polarregionen zumindest eine Chance behalten, auch nur in der nächsten Zukunft relativ intakt zu bleiben.

Die Entscheidung, vor die wir uns selber gestellt haben und die wir in wenigen Jahren zu fällen haben, entspricht in ihrer Bedeutung einer Weichenstellung in globalem Maßstab. Was wir derzeit anrichten, kommt einer Stillegung des gesamten Motors der Evolution gleich es besteht darin, eine einzige Spezies auf dieser Erde absolut zu favorisieren und alle anderen Formen des Lebens einzig dahin zu befragen, ob sie den Überlebens- und Ausdehnungsinteressen dieser einen Spezies dienlich sind oder nicht.

Es ist klar, daß alles, was im "christlichen" Abendland bisher für Ethik und Religion gegolten hat, uns versichert, daß es unser Recht, ja unsere Pflicht sei, diese Entscheidung zu unseren Gunsten zu fällen. Erst wenn sich zeigen sollte, daß zum Beispiel die Ausrottung des äquatorialen Grüngürtels das planetare Windsystem und damit das Klima so weit verändern könnte, daß daraus ungünstige Rückwirkungen vor allem für die Bewohner der nördlichen Länder der Erde zu erwarten wären, so wird das ein Argument bilden, vielleicht doch ein gewisses ökologisches "Umdenken" zu fordern, für das freilich nach wie vor die Natur nichts weiter ist als die "Umwelt" des Menschen.

Eine Alternative zu dieser Einstellung kann nur in einem völlig veränderten ethischen Denken bestehen. Heute noch macht ein jeder sich lächerlich, der ernsthaft verlangen wollte, es solle weniger Menschen geben, auf daß Schimpansen, Kattas und Warane an der Seite des Menschen eine Chance zum Überleben behielten. Tatsächlich würde eine solche Forderung voraussetzen, daß der Parameter sittlicher Verantwortung nicht länger rein anthropozentrisch definiert bliebe, sondern in der Wahrung der Welt gesehen würde, welcher der Mensch selbst sich verdankt. Um es so zu sagen: Bislang war "Ethik" nichts weiter als ein selbstreferentielles System, das vom Menschen ausging und zum Menschen zurückkam, indem es in der Natur nichts weiter sah als eine ausbeutbare Quelle des Selbsterhalts benötigt aber würde eine Moral, deren Begriff von "Verantwortung" wesentlich durch die Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden Natur bestimmt würde.

Eine Hauptthese, die es der "christlichen" Ethik bis heute sehr erleichtert hat, die Ausbeutung der Tiere zum Nutzen des Menschen zu rechtfertigen, bestand in der Überzeugung, daß nur der Mensch eine unsterbliche und vernünftige Seele besitze ja, folgte man den Ausführungen des René Descartes, so wären die Tiere lediglich gefühllose Reflexautomaten, die all die Mißhandlungen, die ihnen von den Menschen zugemutet werden, durchaus nicht zu empfinden vermöchten. Jeder kann sehen, daß diese Ansicht völlig falsch ist und doch hilft sie uns dabei, die Augen vor den Leiden der Tiere zu verschließen: Indem wir den Tieren eigene Gefühle absprechen, kommt uns selbst die Erlaubnis, ja, die Auflage zu, auch uns selbst ein Recht auf Mitgefühl mit der leidenden Kreatur abzusprechen.

Die Tiere haben keine Gefühle, und die Menschen haben Gefühle mit den Tieren nicht zu haben so einfach ist das.

Theologen erklären auch heute noch, daß Gott der Herr in seiner Weisheit gerade diese Ordnung "axiologisch" "gewollt" habe, indem er, wie die Schafe für den Wolf, so die Kaninchen und die Lachse, die Rinder und die Rehe, die Schweine und die Rebhühner just zum "Gebrauch" des Menschen geschaffen habe, so daß nach dem Schöpfungswillen des Allmächtigen all diesen gar nichts Besseres passieren könne, als vom Menschen verzehrt zu werden. Wer da immer noch sentimental genug sein sollte, seine Seele mit dem Leiden seelenloser Kreaturen zu belasten, der versündigt sich, wenn es so steht, nicht nur auf geschäftsschädigende Weise an den Interessen der Agrarökonomen, er handelt sogleich den Absichten des Allerhöchsten zuwider. Man braucht schon eine Empörung, wie Arthur Schopenhauer sie vor 150 Jahren zum ersten Mal formulierte, um diesem Typ "christlich"-abendländischer Ethik durch die Forderung eines universellen Mitleids mit allen Lebewesen nach indischem Vorbild ein Ende zu bereiten.

Tatsächlich aber war es nicht eine philosophische Neubesinnung, die der abendländischen Anthropozentrik wirksam Paroli bot, sondern es ist eine Fülle sich ergänzender Beobachtungen und Theoriebildungen aus den Naturwissenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Menschen als eine bloße Welle in dem großen Strom der Entfaltung des Lebens auf dieser Erde erscheinen läßt. Abstammungslehre, Verhaltensforschung, Hirnpsychologie und Bioneurologie, Psychoanalyse und Kulturanthropologie - sie alle zeigen, in welchem Umfang der Mensch sich selber der Herkunft aus der Tierreihe verdankt. Kein Problem des menschlichen Daseins: Weder Krieg noch Kriminalität, aber auch kein wirklich starker Faktor des menschlichen Zusammenlebens, weder Familiengründung noch Kinderaufzucht sind zu verstehen ohne das Echo aus den 250 Millionen Jahren der Säugetierentwicklung in den Schichten des Zwischenhirns in unseren Köpfen.

Punkt für Punkt führten seit dem 16. Jahrhundert die Entdeckungen der Naturwissenschaft auf eine einzige großangelegte narzißtische Kränkung des "christlich"-abendländischen Menschen hinaus: Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt des Sonnensystems, wie Nikolaus Kopernikus fand, er steht nicht einmal im Mittelpunkt des Kosmos, wie Giordano Bruno postulierte - die Wirklichkeit sei unendlich, um eines unendlichen Schöpfers würdig zu sein, im Unendlichen aber gäbe es weder räumlich noch zeitlich ein "Zentrum".

Daß der Mensch vom Tiere geradewegs "abstammen" sollte, daß sich sogar die Psyche im Verlaufe der Jahrmillionen aus schimpansenähnlichen Vorfahren gebildet haben könnte, galt der römischen Kirche noch bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts als Majestätsbeleidigung ersten Ranges. Selbst ein so anthropozentrischer Mystiker wie der Jesuit Teilhard de Chardin durfte zeit seines Lebens seine Gedanken nicht publizieren, geschweige denn, daß es bis heute verstattet wäre, eine Weltfrömmigkeit und Ethik zu lehren, die den einfachen Naturtatsachen der menschlichen Existenz Rechnung trüge!

Die Tiere sind den Menschen ähnlich - daraus folgt für uns bis heute keinesfalls, mit ihnen so "ähnlich" umzugehen wie mit Menschen, es folgt für uns ganz im Gegenteil daraus, daß wir von ihnen etwas mehr über uns lernen können, das unser Herrschaftswissen noch vermehrt und uns zur Ausdehnung der überkommenen Herrschaftsansprüche gerade zupasse kommt. Auf die ungeheuerliche Zahl von rund 300 Millionen Tieren aller nur erdenklichen Arten kommt allein der "Verbrauch" an "Versuchstieren", die von Pharmaindustrie und Militär weltweit zu Tode gequält werden, um ihren zerfetzten Körpern, ihren verstrahlten Organen, ihrer versengten Haut oder ihren zuckenden Nerven Informationen über die Wirkung bestimmter Medikamente oder über noch bessere Möglichkeiten zum Töten und "Unschädlichmachen" feindlicher Objekte mit Hilfe von Giftgas, b iologischen "Kampfmitteln", Neutronenstrahlen oder Druck- und Splitterbomben zu gewinnen.

Alles wartet darauf, daß wir aus der unabweisbaren Tatsache der Zusammengehörigkeit allen Lebens auf dieser Erde die genau umgekehrte Folgerung zögen und eine Ethik und Religion der Einheit von Mensch und Natur statt der "Indienstnahme" und "Beherrschung" der Natur entwickelten, doch hindert uns daran eine sonderbare Mischung aus wissenschaftlicher Inkonsequenz und wahnähnlichem Anspruchsdenken im Rahmen der überkommenen Formen von Religion und Moral.

Man betrachte auch nur den eigenen Hund. Er soll keiner Gefühle fähig sein? Er soll sich nicht freuen noch ärgern können, er soll nicht spielen noch raufen, nicht ein Weibchen umwerben noch seine Jungen verteidigen können? Mit Verlaub gesagt: Wer imstande ist, auch nur fünf Stunden lang im Zusammensein mit einem Hund all diese Signale der entsprechenden psychischen Gestimmtheiten zu übersehen oder zu verleugnen, der zeigt damit nur, daß man ihm einen Hund zur Pflege nie und nimmer anvertrauen dürfte.

Wie, ein Tier sollte nicht oder nur sehr viel weniger Schmerz empfinden können als ein Mensch? Nehmen wir einmal an, des Nachts brächte ein bohrender Zahnschmerz uns um den wohlverdienten Schlaf, und wir griffen, um endlich Ruhe zu finden, zu einem starken Schlafmittel sehr bald hätten wir da wohl Gelegenheit zu merken, was das ist: "tierisch" zu leiden. Das Schlafmittel nämlich betäubte nicht unseren Schmerz, es dämpfte lediglich unser Bewußtsein, mit dem Ergebnis, daß wir uns von dem Schmerzempfinden geistig nicht mehr distanzieren könnten daran übrigens liegt es, daß wir des Nachts alle Schmerzen sehr viel intensiver zu empfinden pflegen als am Tage.

Die schmerzempfindlichen Zentren aber sind in einem Säugetiergehirn an genau denselben Stellen lokalisiert wie auch in unseren Köpfen der Schluß ist unvermeidbar, daß Tiere physisch genau so, ja noch weit stärker, weil dumpfer, weil mehr identisch mit ihrem Schmerz, zu leiden vermögen als wir Menschen und daß ihre psychischen Leiden zumindest den unsrigen verwandt sind. Was für ein Recht also sollten wir haben, mit ihnen zu machen, was immer uns im Moment "nützlich" scheint? Wenn Tiere empfinden und fühlen können, analog zu uns Menschen, so besitzen sie auch einen Anspruch darauf, daß man mit ihnen so anständig umgeht wie mit Menschen.

Um uns zu korrigieren, bedürfen wir offensichtlich einer Ethik, die nicht länger einer gefühlsisolierten, verstandeseinseitigen Ethik das Wort redet, indem sie das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und zu der ihn umgebenden Natur wesentlich in das gegenstandsgerichtete "Erkennen" und zweckorientierte "Wollen" setzt, sondern die aus einer integrierenden Anthropologie folgert und dementsprechend die Integration des Menschen in die Natur fordert.

Wie eine solche Ethik aussehen kann, hat, im Erbe Arthur Schopenhauers, vor vierzig Jahren bereits der Deutsch-Franzose Albert Schweitzer formuliert. "Ethik", so schrieb er, "besteht . . . darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht entgegenzubringen wie dem eigenen. (. . .) Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt."

Vermutlich brauchen wir, noch ehe wir zu einer solchen Ethik imstande sind (neben einer veränderten Politik und veränderten Wirtschaftsordnung nebst einem veränderten Geldsystem), ein neues Wert- und Weltfühlen, wie es uns am Ende diese grausamen und gräßlichen 20. Jahrhunderts allenfalls vereinzelte Dichter mit ihrer Art einer poetischen Sicht auf die uns tragende Wirklichkeit zu vermitteln mögen, etwa nach dem Vorbild des liebevollen und liebenswürdigen baskischen Lyrikers Francis Jammes. Mit einem Mitgefühl, das "christlich" nie hieß, aber doch heißen müßte, wenn je diese Religion in der Neuzeit zu ihrer Wahrheit finden sollte, schrieb dieser fälschlich für "naiv" gehaltene, in Wirklichkeit nur kindlich gebliebene Schöpfer zauberhafter kleiner Gebete und Gedichte: "Tief im Blick der Tiere leuchtet ein Licht der Traurigkeit, das mich mit solcher Liebe erfüllt, daß mein Herz sich auftut allem Leiden der Kreatur.

- Das elende Pferd, das im Nachtregen mit bis zur Erde herabgesunkenem Kopfe vor einem Kaffeehaus schläft, der Todeskampf der von einem Wagen zerfleischten Katze, der verwundete Sperling, der in einem Mauerloch Zuflucht sucht - all diese Leidenden haben für immer in meinem Herzen ihre Stätte. Verböte das nicht die Achtung für den Menschen, ich kniete nieder vor solcher Geduld in all den Qualen, denn eine Erscheinung zeigt mir, daß ein Glorienschein über dem Haupt einer jeden dieser Leidenskreaturen schwebt, ein wirklicher Glorienschein, groß wie das All, den Gott über sie ausgegossen hat."

Der Tag wird kommen, an dem wir Menschlichkeit gerade darin erblicken werden, niederkniend Tiere um Verzeihung zu bitten für alles, was wir ihnen angetan haben.

Eugen Drewermann ist mit seiner Kirche seit langem über Kreuz.

Dem katholischen Theologen, 1940 in Bergkamen geboren, wurde 1991 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Im Jahr darauf erteilte ihm der Erzbischof von Paderborn ein Predigtverbot. Als Bestsellerautor ist Drewermann bis heute überaus erfolgreich. Kritik am anthropozentrischen Welt- und Menschenbild der Kirche übte er schon in seinem Buch "Der tödliche Fortschritt", 6. Auflage 1991, Freiburg (Herder Spektrum 4032).