Die wahre Definition des Künstlers sei die eines Produzenten von Erinnerung, sagt Pedro Cabrito Reis, und es ist beinahe überflüssig, zu ergänzen, daß er dazu als eigene Positionsbeschreibung eine "strikte Individualität" angibt. Der Portugiese, 39 Jahre alt und als Künstler für Kenner gehandelt, seit Jan Hoet ihn als eine Entdeckung seiner documenta 9 herausstellte, gastiert jetzt mit einer Ausstellung von Arbeiten aus jüngster Zeit im Essener Museum Folkwang: Es sind Installationen von raumgreifender und bühnenwirksamer Dimension, von großformatigen Tuschzeichnungen begleitet, in denen sich der Künstler realistisch und in Aquarellmanier mit der eigenen Physiognomie auseinandersetzt.

Kopf und Doppelkopf, zu "Conversation pieces" geeint, bilden eine Parallel-Aktion zur streng gebauten Raumausstattung sie erläutern die stabile Fremdheit der Objekte, indem sie deren Gegensatz - die sich auflösende Erscheinung - vorführen. Und zugleich kommentieren sie auch die Kopflastigkeit eines Werks, dem Interpreten gern mit deklamatorischem Überschwang nacheilen. (Daß die deutschen Übersetzungen des Katalogs gelegentlich ans Absurde grenzen, ist dazu eine Steigerungsform.)

Als Zeichen einer "Archäologie der Kultur" und als "Ergebnis eines anthropologischen Prozesses" sähe er seine Objekte, äußerte Reis im Gespräch mit Germano Celant, einem der Katalogautoren. Ihn habe stets fasziniert, sich die Situation einer Person vorzustellen, wie sie - aus einem Nirgendwo kommend - seltsame Dinge und Worte hinterlasse, um dann wieder zu verschwinden . . . So sei auch sein Werk: Dessen Thema, mit Erinnerung zu leben, bedeute auch, ein Bewußtsein von der eigenen und von der Existenz anderer herauszustellen.

Es ist eine einsame Existenz, die Reis in Essen darbietet: Der Künstler als der letzte, sprachlos gewordene Überlebende einer Kultur fügt Zivilisationsreste zusammen. Sie mögen von einstiger Anwesenheit des Menschen zeugen, nicht unbedingt aber von gelebtem Leben - wenn man von einer vertrockneten Rose hier und einem letzten Schluck Wasser in einer Karaffe dort absieht. Doch Müll hinterläßt dieser Kultur-Forscher nicht. Im Gegenteil. Reis' statische Belegstücke der Erinnerung sind überschaubare Raum-Gefüge, die elementare Gewißheiten verkörpern.

Der Mensch braucht ein Gehäuse, braucht Schutzzonen und hat sie sich geschaffen, von der Wohnung bis zum Krankenhaus. Reis baut sie auf. Der Mensch benötigt Wasser und Strom. Reis suggeriert, daß es sie gibt. Der Künstler braucht eine Fläche, sich auszudrücken, und Material dazu. Reis liefert sie, ordentlich und in Serie.

So wie er mittels einer Anordnung präziser Metallformen mitteilt, daß der Mensch auch die Spiegelung einer Welt ins Unendliche erleben möchte.