Manchmal ist es zu früh, ein Buch zu schreiben. Und manchmal ist auch der Autor zu jung dazu. Vor acht Monaten wurde Jitzhak Rabin erschossen, neunzehn Jahre alt ist seine Enkelin, Noa Ben Artzi-Pelossof, die ihre Erinnerungen an den Großvater zu Papier brachte und zur Präsentation des schmalen Buches durch die halbe Welt jettete, von einer Talkshow zur anderen, von einem Fernsehinterview zum nächsten weitergereicht wurde. Ein Buch über den erschossenen israelischen Ministerpräsidenten und Friedensbegründer, auch eines zu seinem Gedenken und zur Mahnung an die politischen Gesellen hinter dem Mordbuben, hätte seine heilsame Zeit benötigt. Eine vom schweren Schmerz und tiefer Trauer gebeugte Autorin wie das Mädchen Noa hätte sich gedulden müssen, um ihre Würdigung zu Papier zu bringen. So aber, steht zu fürchten, ging es vor allem dem Verleger um die Gunst der Stunde und das Geschäft. Schade! Dadurch lesen sich manche Kapitel dieses sehr persönlichen, oft privaten Erfahrungsberichtes über den verehrten Saba (Großvater) wie selbstverständliche, alltägliche Huldigungen einer Schülerin, die über ihre Familie einen Klassenaufsatz verfassen soll: nett, fehlerlos, zuweilen auch klug und charmant. Thema erfaßt, Aufgabe gelöst, Note sehr gut.

Wie Noa mit ihren Freunden, mal lachend, mal gebannt, an jener Friedensdemo in Tel Aviv teilnahm, die für ihren "Helden" organisiert worden war und an deren Ende er von einem jungen, fanatischen, religiösen Israeli niedergestreckt wurde. Wie sie dann versuchte, mit diesem Verlust fertigzuwerden, das Erlebnis dieses Mordes zu verarbeiten, die geistige Brutstätte dieses hinterhältigen Verbrechens zu lokalisieren. All dies schreibt Noa auf, als wollte sie sich auch befreien von seiner schier unerträglichen Last.

Wie auch sonst kann ein junger Mensch auf Dauer leben, der sich wie erdrückt, wie zu Boden geworfen fühlen muß durch solch eine bittere Erfahrung!

Dann jedoch stellen sich, nach flüchtigen Schilderungen über den Armeedienst und einen Auschwitz-Besuch ("dort singen keine Vögel") im letzten Teil dieses Privatissimums wie von selber die eigenen Erinnerungen wieder ein, zwingend und unvergeßlich: Wie ein schmales, schwarz gekleidetes Mädchen mit tränenerstickter Stimme am Sarg ihres Saba auf dem Friedhof des Jerusalemer Herzlberges vor der Phalanx der Staatsoberhäupter aus aller Welt Abschied nahm, ihren Abschied. Das war ein bewegender, großer Augenblick. "Großpapa, du warst das Feuer vor dem Lager, und jetzt sind wir allein, ohne Fackel in der Finsternis und es ist so kalt, wir sind so traurig."

Und dann der Satz: "Die Engel, die dich jetzt begleiten, bitte ich, daß sie dich beschützen, denn du verdienst ihren Schutz."