BERLIN. - Daß es geschehen würde, wußte ich seit dem 8. März.

Ich sprach mit einer Freundin über den jähen Krebstod des PEN-Kollegen Klaus-Dieter Sommer. "Und das war nicht der letzte", sagte Andrea ganz fahrig. "Der nächste Tod steht schon an." Tamara Danz. Brustkrebs.

In der Stadt klebten sie gerade die Plakate für Sillys neue Platte: die fünf Musiker darauf, Tamara überraschend klein im schwarzen Mäntelchen, Ringe unter den Augen. Sie strotzte doch immer. Sie war doch das Weib, die wilde Mathilde. Ausgerechnet "Paradies" hieß die CD. Tamara hatte die Texte selbst geschrieben: Meine Uhr ist eingeschlafen / ich hänge lose in der Zeit / ein Sturm hat mich hinausgetrieben / auf das Meer der Ewigkeit. / Gib mir Asyl, hier im Paradies / hier kann mir keiner was tun / gib mir Asyl, hier im Paradies / nur den Moment, um mich auszuruhn.

Es ging immer um die Texte im Rockland DDR, den Fans wie der Zensur.

Die Musik war den SED-Kulturgestattern egal, seit sie einmal beschlossen hatten, das spätkapitalistische Gelärm zu domestizieren. Ostrock - das ist eine lange Geschichte aus Anpassung und Widerborstigkeit.

Die Bands hingen ab vom staatlichen Erlaubniswesen, das bestimmte, was auf Platte und ins Radio kam. Die DDR war ein kleines törichtes Land, das in der Subversivität erhabene Momente fabrizierte.

Die Undercover-Dichtung blühte. Oft bauten die Bands sogenannte grüne Elephanten ein, trampelnd nonkonforme Zeilen, eigens zur Streichung verfaßt und unter simulierten Schmerzen zeternd preisgegeben, damit der Zensor die wirklichen Delikatessen übersah. Aber kann es Klartext geben in der Kunst?