Es gießt in Bayreuth. Das hat das Grün so gern, gleich wirkt der Grüne Hügel noch mal so grün. Vor der Auffahrt zum Festspielhaus verteilt ein Grüppchen Studenten grasgrüne Handzettel, streng observiert von einer ungleich größeren Gruppe flaschengrüner Polizisten.

Kultusminister Hans Zehetmair fährt vor, steigt aus und leiht für fünf Minuten sein Ohr den Klagen des akademischen Nachwuchses: Sie wünschen sich, bitte sehr, mehr Professoren für ihre Universität Bayreuth, zumal die Fakultät für Recht und Wirtschaft leide unter den Sparmaßnahmen. Das Flugblatt ist im Ton kommod (". . . möchte darauf aufmerksam machen, daß dieStellenkürzung zunehmend den Universitätsbetrieb bedroht!"), die studentischen Parolen haben altfränkisches, beinahe nürenbergisch-meistersängerisches Format ("Kaum geschlupft - schon gerupft!"). Da tönt von droben die erste Fanfare, der Minister enteilt.

Auf der Festwiese glänzt hell die liebe Sonne, tausend Eichen (oder Linden?) in frisch geschlüpftem Frühlingsgrün rahmen den dritten und letzten Akt der "Meistersinger von Nürnberg": Die Baumwipfel sind auf eine spiegelnde, achtzehn Meter hohe Rückwand projiziert, die, in leicht konkav gekrümmten Rastern, die Bühne nach hinten zu abschließt. Ein Glashaus? Ein Globus? Oder gar der Globus als Glashaus? (Mit Solarzellen?) Jedenfalls leuchtet diese Wand nicht nur milde auf das hell-lindgrüne Treiben tanzender Nürnberger Bürgersleut', sondern tief hinein in den Zuschauerraum, wo auf einmal gleichfalls lauter grüne Männchen und Weibchen traut beisammensitzen. Alles Kinder dieser Erde? Alles Greenpeace? Kunst und Natur, eine Kampffront? Dies freilich ist schon die härteste Denknuß, die uns der Bayreuther Hausherr und letzte lebende Wagnerenkel in dieser seiner dritten (und letzten?) Neuinszenierung der "Meistersinger" zu knacken gibt. Alles übrige bleibt lean und light, ohne Harm und Hintergedanken.

Wolfgang Wagners Regie wird offenbar nur von einer einzigen Idee inspiriert: daß sich ja niemand Böses dabei denke! Nur immer lustig und alaaf! Der Aufmarsch der Zünfte zum großen Finale ist reinster Karneval, volkstanzend ordnet sich grünbuntes Chorvolk wie von selbst zu übersichtlichen Kreisen in archaischem Ritual, zumal Nürnbergs Lehrbuben hüpfen hoch wie die Laubfrösche, sobald sie nur von Ferne im neualten Idiom einmal eine solide punktierte Note trapsen hören. Natürlich sind das nicht die heutigentags verlangten hundertzwanzig beats per minute, doch dafür gibt sich Wagners putzige Wies'n so unbeschwert unpolitisch wie die letzte Berliner Love Parade. Liebe, Friede, Kuchen und Freibier für alle! Sogar Beckmesser, der bedauernswerte Verlierer, der im zweiten Akt grün und blau geprügelt und im dritten von allen ausgelacht wird, er muß sich nicht weinend fortstehlen: er wird zum guten Schluß, herzlich umärmelt vom braven Sachs, mit einbezogen in diesen Rund.

Nun ist das nichts Neues, man hat diese Lesart schon öfters anderswo gesehen. Längst hat die Musikforschung nachgewiesen, daß der bequeme Rückschluß, ein erklärter Antisemit wie Richard Wagner müsse in jeder seiner Opern mindestens einen Juden fressen, falsch ist.