I. Adriatiker und Liguriker

Ein ganz herzliches Pfui auf den elenden Massentourismus. Warum immer alle auf Urlaub fahren, ist mir unklar. Mir reicht, wenn ich selber auf Urlaub fahre, und meine engsten Angehörigen, und einige sonstige gepflegte Kulturtouristen. Deren italophilen Zweig teile ich, rechts und links von der Toskana, in den adriatischen Typ und den ligurischen Typ.

Der kultivierte Adriatiker ist ein Perversling, verliebt in die kurzen Lücken der relativen Stille, die es tatsächlich noch gibt zwischen den endlosen Stränden, auf denen Abertausende barbarisch dahinrösten bis zum späteren Hautkrebs.

Der Adriatiker liebt die Horizontale das fad Sonnenschirmige den heißen Sand zwischen seinen sentimentalen Zehen. Unbeirrt spaziert er im seichten Warmwasser, bis ihn der legendäre Stachelfisch, tückisch vergraben im Sand, schmerzhaft sticht. Der Adriatiker kommt trotzdem immer wieder, schwört auf immer dieselbe kleine pensione, die er niemandem verrät. Wahrscheinlich gibt es sie gar nicht mehr.

Jetzt aber der Liguriker: Er ist Vertikalist. An der ligurischen Küste, wo sie am schönsten ist, ist alles senkrecht: der winzige Badeplatz das moderate Privatzimmer mit Meer- und Bergblick die an den Felsen geklebte Taverne. Jedoch kennt der geübte Liguriker versteckte kleine Horizontalitäten in der großen Vertikal-Symphonie.

Ich selbst bin ein gemischt adriatisch-ligurischer Typ. In der grandiosen, lotrechten Schönheit der Küste südlich von Genua, Naturschönheit, Kleinstadtschönheit, beides in Überfülle, möchte ich Feinspitz zusätzlich ein paar Tupfer fader Adria-Horizontale.