Ussel (Corrèze) Überall Kalbsköpfe. Menschen und Autos begegnen einem selten auf der "Hochebene der tausend Quellen", doch hinter jeder Wegbiegung starren dunkle Glotzaugen. 131 900 rotbraune Limousinrinder zählt die Corrèze stämmig, stur und mit starken Hörnern bewehrt. Und wenn einmal die EU in Brüssel mit Subventionen für das Vieh zögert, legt sich Jacques Chirac persönlich ins Zeug.

"Diesen Mann hat uns der liebe Gott vom Himmel gesandt." Michel Fraysse, der Wirt des Restaurants "Les Gravades" an der Landstraße hinter Ussel, schwärmt: "Er brachte uns Wasser- und Stromversorgung, Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Es gibt hier kein Dorf, dem er nicht geholfen hat." Und warum? "Er liebt einfach die Menschen, volksnah und unkompliziert, wie er ist." Fast alle duzen ihn hier, außer seiner Frau Bernadette und Michel Fraysse: "Er hat mir das Du angeboten. Aber ich habe einfach zuviel Respekt vor ihm", erklärt der kleine, rundliche Küchenchef. Daß sein Idol nun im Elysée regiert, "war das Ziel unseres Lebens. Endlich haben auch die Franzosen seine Qualitäten erkannt, um die wir hier immer wußten."

Seither gibt es bei "Momon" Fraysse für 120 Franc ein "Menu du Président": Kalbskopf als Vorspeise, dann Rinderschwanzpfeffer und Schweinsfuß a la Limousine, schließlich Auvergnekäse und Apfelkuchen auf Himbeersoße. Kalbskopf ist des Präsidenten Leibgericht.

Dabei ist Jacques Chirac gar kein waschechter Corrézien. Geboren wurde er im Pariser fünften Arrondissement, wo er später die Eliteschulen der Nation besuchte. La vie corrézienne, das Leben in der Corrèze, wie sich das regionale Wochenblatt mit seinen Anzeigen für Mähdrescher, seinen schüchternen Heiratsannoncen, seinem Lokalklatsch nennt - es war nicht sein Leben. Als Junge verbrachte er nur häufig die Sommerferien im Dorf Sainte-Féréole, bei den Großeltern. Und nachdem man in Frankreich noch nach Generationen in der Hauptstadt mit Leib und Seele Provinzler sein kann, schwören Chiracs Getreue: "In der Tiefe seiner Seele ist er einer von uns."

Daß die Corrèze zu ihrem großen Sohn kam, hat sie Georges Pompidou zu verdanken. Er sandte seinen Mitarbeiter Chirac 1967 in das stramm radikalsozialistische Departement, in die entlegenen Höhen, "wo die Wölfe und die Barbaren herkamen". Noch heute erzählen die Bauern und Bürgermeister von dem Kandidaten, der mit seinem grauen Peugeot 403 unermüdlich die Dörfer abklapperte und die Notabeln höflich fragte: "Was kann ich für Sie tun?" - "Unsere Kapelle ist eine Ruine", klagte der damalige wie heutige Maire von Chavanac. Das Kirchlein wurde renoviert, eine neue Glocke gegossen. Bei der Präsidentschaftswahl bekam Chirac in Chavanac neunzig Prozent der Stimmen.

Heute kontrolliert seine gaullistische Partei RPR die Corrèze völlig: Sie besetzt alle drei Abgeordnetensitze, beide Senatorensessel, die Rathäuser der drei größten Orte Brive, Tulle und Ussel, die Handelskammern und Bauernverbände. Auch der Präfekt ist ein alter Weggefährte. Das "System Chirac" war auf der ganzen Linie erfolgreich, räumt der Kommunist Jean Combasteil ein: "Chirac spürte unsere ländlich geprägte Mentalität." Sein fabelhaftes Gedächtnis speichere jeden Namen, jede Familiengeschichte, jede Kuhkrankheit. Zu Tränen gerührt ist eine Frau, die er auf einer Handwerkermesse in Tulle mit Namen grüßt: "Dabei sah er mich zuvor erst ein einziges Mal."

Chiracs stärkste politische Waffe ist der Händedruck.