An der geistigen Mobilmachung von 1914 haben sich die Intellektuellen in allen kriegführenden Staaten bereitwillig beteiligt. Nirgendwo aber taten sie das mit solcher Inbrunst wie in Deutschland. "Eine spätere Zeit wird es kaum begreifen können, mit welcher Willenlosigkeit, um nicht zu sagen Unterwürfigkeit sich alle Strömungen in der Tatsache des Krieges verloren haben und in ihr zu neuem Leben wiederfinden zu können glaubten", klagte der Soziologe Emil Lederer 1915, und sein Kollege Max Weber bekräftigte 1917: "Was akademische Lehrer an Mangel an politischem Augenmaß insbesondere im Kriege geleistet haben, übersteigt bekanntlich alles Dagewesene."

Wie sehr beide Wissenschaftler mit ihren Urteilen ins Schwarze trafen, belegt ein von Wolfgang J. Mommsen herausgegebener Sammelband, "Kultur und Krieg", der aus einem Kolloquium im Historischen Kolleg in München hervorgegangen ist. Er beschäftigt sich fast ausschließlich mit den kulturellen Eliten des Kaiserreichs nur drei der insgesamt neunzehn Beiträge beziehen Entwicklungen in den westlichen Ländern, vor allem Frankreich, ein.

Nachzulesen ist hier also, wie namhafte Vertreter der deutschen Sozialwissenschaften, der Geschichtswissenschaft, der bildenden Kunst und der Literatur darin wetteiferten, den vom Kaiserreich vom Zaun gebrochenen Krieg ideologisch zu rechtfertigen als einen Kampf zwischen "deutscher Kultur" und "westlicher Zivilisation".

Das beschämendste Dokument dieser intellektuellen Willfährigkeit war der Aufruf "An die Kulturwelt!" vom Oktober 1914. Darin bekannten sich die Spitzen des deutschen Geisteslebens uneingeschränkt zum Militarismus als dem eigentlichen Kulturträger, ohne sich - so Mommsen in seiner Einleitung - "der geringsten Mühe zu unterziehen, die amtlichen Erklärungen der deutschen Regierung auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen".

Am ehesten wäre von den noch jungen Disziplinen der Sozialwissenschaften eine gewisse Distanz zum allenthalben grassierenden Kriegschauvinismus zu erwarten gewesen. Doch sie ließen sich, wie Hans Joas zeigt, ebenso widerstandslos in den Dienst der offiziellen Propaganda stellen wie alle anderen Wissenschaften auch. Der Münsteraner Soziologe Johann Plenge prägte das Schlagwort von den "Ideen von 1914", die den "Ideen von 1789" entgegengesetzt wurden. "Kühle Objektivität" zu bewahren und "mitten im Kriege schon einen Standpunkt außerhalb desselben einzunehmen", wie Emil Lederer es versuchte - das blieb eine seltene Ausnahme. Selbst Georg Simmel, der "Ästhet unter den Soziologen", wie Werner Gephart ihn nennt, verfiel dem kollektiven Taumel: Im Erlebnis des Krieges sah er plötzlich ein "neues Verhältnis von Individuum und Gesamtheit" entstehen, als "dessen reinste Anschaulichkeit" ihm der "Krieger im Felde" erschien.

Als eifriger "Propagandist eines deutschen Krieges" betätigte sich auch der angesehene Nationalökonom Werner Sombart. Sein Pamphlet aus dem Jahre 1915, "Händler und Helden", in dem das kriegerische Heldentum der Deutschen in Kontrast zur krämerischen Unkultur der Briten gesetzt wurde, zählt zu den übelsten Hetzschriften, die jemals von einem deutschen Katheder aus verbreitet wurden.