Schwül in Hamburg! Ungewöhnlich. Vom Verlag Droemer Knaur in München kommt eine Mitteilung an die Presse. Die deutsche Dichterin Susanne Seitz habe wieder ein Buch geschrieben. Einen Roman, 312 Seiten.

Er heiße "Welfenbrand". Und damit auch Marcel Reich-Ranicki versteht, worum es geht, faßt der Verlag Form und Inhalt des Werkes in einer einzigen fettgedruckten Zeile zusammen: "Die Geschichte einer verzehrenden Leidenschaft zur Zeit der Kreuzzüge: Welf von Richen liebt und haßt seine Stiefmutter Johanna, die ihm nach dem Leben trachtet und doch mit an Besessenheit grenzender Unbedingheit verfallen ist." Was für ein Stoff! Kreuzzüge! Schwiegermütter!

Und es geht noch ein bißchen weiter in dem Brief, und wir kriegen alles noch haarklein vorerzählt, daß "die Tage des Weins und der Rosen auf Burg Richen im Südwesten Deutschlands sich dem Ende zu neigen" und daß "Johanna, genannt die Füchsin, eine amazonenhafte junge Witwe, eine Art Musenhof ins Leben gerufen hat", na, und so weiter und so ähnlich. Aber das kann uns schon gar nicht mehr fesseln. Denn wir stellen uns bereits vor, wie es Tausende und Abertausende Menschen nach dem Buch "Welfenbrand" von Susanne Seitz verlangt, wie sie in die Buchhandlung eilen und "Einmal ,Welfenbrand` von Susanne Seitz!" rufen wie sie 36 Mark aus ihrem Portemonnaie spritzen lassen, resp. 268 Schillinge, resp. 33 Fränkli wie sie mit fahrigen Fingern das Zellophanpapier abreißen, wie sie zu lesen beginnen - o glühende Tage, glückliche Nächte mit "Welfenbrand", mit Susanne Seitz. Und wie sie alle geläutert daraus hervortreten werden. Wie sie ganz anders und ganz neu über Kreuzzüge und Schwiegermütter zu denken beginnen werden, wie ein Wandel ihrer Einstellung gegenüber Kreuzzügen und Schwiegermüttern eingetreten sein wird, wie die Darstellung der Leidenschaft, Besessenheit und Unbedingtheit in diesem Buch ihnen einen neuen Erfahrungshorizont geöffnet haben wird und wie die Welt nie mehr dieselbe sein wird für sie und wie sie ihr Leben ändern werden. Denn Dichtung kann den Menschen verändern, und darauf hoffen wir alle.