Der Kampf um den "Ring" findet auch an den Hintertüren statt. Sonntag morgens halb acht, Bayreuth schläft noch. Trotzdem regt sich am Seitenschiff des Festspielhauses schon etwas. Es ist die Schlange vor dem Kartenbüro. Was wollen wir hier? Die diesjährigen Wagner-Festspiele sind seit Jahren ausverkauft. Unter Bayreuthern munkelt man, daß es Normalsterbliche gar nicht erst zu versuchen brauchen.

Aber das ist nur teilweise richtig, denn allmorgendlich werden hier zurückgegebene Karten vergeben, Karten von denen, die sich an diesem Tag gerade unpäßlich fühlen oder inzwischen vielleicht sogar das Zeitliche gesegnet haben. Viele Karten sind es nicht, die auf diese Weise ein zweites Mal in Umlauf gebracht werden, aber eine andere Chance gibt es nicht. Die Stimmung ist entsprechend schlecht, die Gesichter wirken müde und angespannt, man verteidigt argwöhnisch den erstandenen Platz. Auch an diesem Ort der hohen Kultur herrscht Krieg aller gegen alle, der Kartensucher ist dem Kartensucher ein Wolf.

Eben hält ein weißer Mercedes. Einige der Wartenden scheren aus, stürzen hin, wechseln ein paar Worte mit dem Fahrer und nehmen sichtbar entnervt wieder ihre Wartestellung ein. Fehlanzeige! Der Chauffeur hatte nur erkunden sollen, wo der Einführungsvortrag stattfindet.

Zehn Uhr. Eindeutige Schließgeräusche lassen die ohnehin unterschwelligen Gespräche verstummen, ein Ruck geht durch die Schlange und nimmt ihr Form und Länge. Die Tür öffnet sich, aber niemand darf hinein: "Keine Karten im Moment!" tönt eine Frauenstimme aus dem Innern. Die Zeit wird lang, und meine Gedanken wandern zu meinem letzten Bayreuthbesuch zurück. Damals stürzten mehr als zwanzig Bewerber in den Raum, aber es wurde nur eine Karte angeboten: ",Walküre' 160 Mark, wer will?" Alle Finger schnellten in die Höhe.

Die Routiniers hatten das Geld natürlich längst abgezählt und hielten es der Verkäuferin entgegen. Doch die behielt den Trumpf in der Hand: "Wer hat noch überhaupt keine Karte? Wer hat noch gar keine Vorstellung gesehen?" Kurze, dramatische Pause, ihre Augen suchten die Gruppe nach Gesichtern ab, die die Kriterien erfüllen könnten. Ein junger Mann bekam den Zuschlag, leistete noch schnell das von ihm verlangte Gelübde, die Karte keinesfalls weiterzuverkaufen und verließ triumphierend den Raum.

Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß diese Fragen des Büropersonals keine unnötigen Schikanen waren: Einmal blüht der Schwarzhandel wie eh und je, zum anderen wimmelt es hier von Wagner-Fans mit Komplettiersucht. Sie sind seit der Eröffnung der Festspiele dabei, haben schon die eine oder andere Aufführung gesehen, sind aber längst noch nicht zufrieden: Es muß das ganze Festspielprogramm sein! Mindestens! Einstweilen studiere ich die subtile Hierarchie unter den Wartenden. Es ist eine Dreiklassengesellschaft: Die unterste Klasse stellen die "Sucher" dar, das sind diejenigen, die noch gar keine Karte haben und damit als Tauschpartner nicht in Frage kommen. Niemand spricht mit ihnen, schon gar nicht die professionellen Kartenhändler, die - Gerüchten zufolge - in den vier Festspielwochen täglich tausend Mark verdienen. Dann gibt es die "Tauscher", das sind diejenigen, die bereits im Besitz eines oder mehrerer Tickets sind und deshalb mit gewissem Respekt behandelt werden. Sie nehmen am allgemeinen Diskurs teil und werden - je nach Besitzstand - sogar von den Schwarzhändlern hofiert. Schließlich und drittens gibt es noch die "Besitzenden", die im Grunde schon "alles" haben und jetzt ihrem jeweiligen Budget gemäß nur noch "runter"- oder "hochzutauschen" versuchen. Sie stehen ganz oben auf der Stufenleiter und bewegen sich dann mit dem Flair des Erfolgsmenschen durch die morgendliche Landschaft.