Von weit her kommt die Sage vom "Romanischen Café", gleich bei der Gedächtniskirche, die Sage vom Goldenen Zeitalter. Da hockten sie alle zusammen, machten unentwegt Projekte und Wortspiele und hoben die Welt wenigstens für einen Augenblick aus den Angeln.

Abends saßen sie dann geschlossen in der Uraufführung der "Dreigroschenoper" und ließen die Autoren hochleben in ihren Zeitungen oder hauten Brecht dafür in die Pfanne, daß er ein paar Rimbaud-Verse geklaut hatte. Aber gemeinsam stand man gegen die alten Stützen der Gesellschaft, gegen all die Monokelträger, Kommißköpfe, Untertanen, gemeinsam setzte man das Projekt der Moderne durch und feierte Döblins "Berlin Alexanderplatz" als den modernen deutschen Roman, den Roman der Hauptstadt Berlin.

Walter Benjamin rezensierte Siegfried Kracauer, Kracauer rezensierte Benjamin und Tucholsky alle anderen, und mit jedem Tag schien es fiebriger zuzugehen in der Hauptstadt. Benjamin sah schon das "Morgengrauen des Revolutionstages" sich ankündigen, etwas voreilig vielleicht. Wilde Jahre, wildes Schreiben, wilder Journalismus - doch wer heute nach Berlin kommt, erlebt nur wildes Bauen.

Die größte Stadt Deutschlands ist die größte Baustelle Europas. Doch das alte Zeitungs-Berlin der Weimarer Jahre ist heute nur noch Legende. Natürlich ist Sommer und Sommerflaute, und natürlich jammern alle übers Wetter und daß es so schwül sei und so kalt und nichts los und die Stadt leer - aber müssen sich die Berliner Zeitungen wirklich mit aller Gewalt um das Niveau des Krähwinkler Boten bemühen? In Berlin ist er in vier verschiedenen Ausgaben zu haben. Sie heißen Berliner Zeitung (Auflage: 230 000), Berliner Morgenpost (170 000), Tagesspiegel (130 000) und tageszeitung (taz, Berlinauflage: 14 000). Die drei großen sind frisch umgestellt, neues Layout, neue Aufmachung, besserer Druck, aber alle verlieren sie an Auflage.

Die Berliner Zeitung wird fast ausschließlich im Osten der Stadt gelesen, und dort, wie allmählich auch im Westen, brechen die Leser weg. Man kann sich ganz unterschiedlich dazu verhalten: Mit der Androhung von Selbstmord, wie es die taz unnachahmlich beherrscht, mit Devotheit gegen die Abonnenten wie beim Tagesspiegel, mit der Hoffnung auf baldige Fusion mit der seit Jahrzehnten durchgefütterten Welt wie bei der Morgenpost. Eine bedeutende, eine interessante, eine richtige Zeitung zu machen, würde Berlin wie die Berliner überfordern.

Berlin, wer wollte es bezweifeln, hat mindestens Weltniveau. Wer in den letzten Wochen durch Berlins Blätter spazierte, spürte allerdings nicht viel davon. Als zum Beispiel die Love Parade durch die Straßen wummerte, raveten Berlins Zeitungen alle brav mit und begnügten sich damit, den friedlichen Jugendkult zu loben. Erst anschließend wurde beklagt, daß die lieben Raver im Tiergarten einfach zu viele Cola-Dosen weggeschmissen hatten. Die Jugend ist schon in Ordnung, wir kennen sogar ein paar junge Menschen persönlich. Aber der Müll! Können sie das denn nicht ein wenig sauberer abmachen? Der ehrlichste Artikel zur Love Parade stand in der Berliner Zeitung und trug die schöne Überschrift "Liguster hat am meisten gelitten". Da wurde dann kleingerechnet, wieviel jeder zertrampelte Strauch die Bezirksverwaltung kostet (1 Fliederbusch = 94,50 DM).