Mahlow, Plau am See, Barleben - morgen vielleicht ein weiterer Ort, den bisher niemand kannte. Im Sommer, als die "Tagesthemen" aufbrachen, das ach so schöne, unbekannte Land jenseits der Elbe in westdeutsche Wohnzimmer zu holen, lehren ostdeutsche Jugendliche eine eigene Art der Heimatkunde. Die Lektion ist nicht neu - wer wollte, konnte deren Zeugnisse seit Jahren in den Kurzmeldungen finden: Angriffe auf Ausländer, Überfälle auf Campingplätze, Randale an Badeseen, Attacken auf jugendliche Reisegruppen, vorzugsweise auf die aus dem Westen. Die Gewaltexzesse, die jetzt über die Bildschirme flimmern, sind nur die sichtbaren Eruptionen einer viel breiteren unterschwelligen Erschütterung: Von der Politik stoisch unbeachtet, drohen Teile der ostdeutschen Nachwendejugend aus dem Ruder zu laufen.

Sichtbarstes Indiz: In der Kriminalstatistik haben die Kinder und Jugendlichen aus den neuen Ländern ihre westdeutschen Altersgenossen deutlich überholt. Mit Ausnahme der Drogendelikte weist die Polizeibilanz keine Straftatengruppe auf, bei der die Ostquote nicht um ein Drittel über Westniveau liegt. Bei Raub und schwerem Diebstahl ist die Kriminalitätsrate junger Ostdeutscher sogar mehr als doppelt so hoch.

In den ersten Jahren nach der Vereinigung konnte der rasante Anstieg der Jugenddelikte noch mit der natürlichen Angleichung an das Westniveau und dem Nachholbedarf beschwichtigend erklärt werden. Heute sprechen Experten wie der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen, Christian Pfeiffer, von einer "außerordentlich besorgniserregenden Entwicklung" und einer "neuen Qualität". Die ostdeutschen Jugendlichen, sagt Pfeiffer, "sind unsere Problemgruppe Nummer eins".

Meist geht es um Geld, weniger um Politik oder krude rechtsradikale Ideologie. Häufig ist Gewalt im Spiel, und Suff ist der ständige Komplize. Klaus Breymann, Leiter der Jugendabteilung bei der Magdeburger Staatsanwaltschaft, bearbeitet kaum ein Verfahren, "bei dem es ohne Alkohol abgegangen wäre" - wobei Bier und Schnaps hier nicht bewußtseinsvernebelnde Begleiterscheinung sind, sondern Mittel zum Zweck: "Die bringen sich mit Alkohol erst in die richtige Stimmung für das, was sie vorhaben", berichtet Breymann aus seiner Erfahrung. "Dann suchen sie diejenigen, die sich als Opfer anbieten, und wenn sich keine Ausländer finden, sind ungeliebte Wessis auch recht. Es könnten aber auch Behinderte aus Cottbus sein." Was Strafverfolger wie Klaus Breymann noch mehr beunruhigt als die spektakuläre Explosion von Gewalt, ist die Alltäglichkeit von Delikten wie dem "miesen kleinen Straßenraub"; dessen Akteure werden immer jünger.

Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, kämpfen in vielen ostdeutschen Städten und Gemeinden auch einheimische Jugendliche gegeneinander - um kulturelle Hegemonie, um Jugendclubs, um Mädchen, um die richtige politische Gesinnung oder um den Stammplatz vor dem örtlichen Imbiß. Das hat eine andere Dynamik als klassische Revierstreit-Rituale. Die Frustrationstoleranz ist da häufig schon bei einer "falschen" Bemerkung überschritten. Fairneßregeln sind außer Kraft gesetzt, und richtig zur Sache geht es oft erst, wenn einer am Boden liegt. Als zwei junge Berliner Filmemacher mit einem mobilen Kino durch brandenburgische Dörfer zogen, grölte das Publikum "Zurückspulen!", als auf der Leinwand einem Menschen der Kopf zertreten wurde.

Der "Individualisierungs-Aufprall" aus der stark reglementierten DDR-Gesellschaft, vor dem Jugendforscher wie der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer schon bald nach der Vereinigung gewarnt hatten, fiel offenbar härter aus als erwartet. Er erwischt auch die Jugendlichen, die an die DDR kaum eigene Erinnerungen haben, und zwar zu einer Zeit, als die Politik dieser Altersgruppe das Ende der Unterschiede verordnet: als Umbruch im Schulsystem, als Auflösung der gewohnten kollektiven Strukturen, als Zusammenbruch der alten Freizeiteinrichtungen und als Wegfall gewohnter Kontrollinstanzen.