In Thüringens Landeshauptstadt Erfurt gibt es eine Universität, die gibt es gar nicht. Sie hat weder Studenten noch Professoren, keine Aula und keine Mensa. Feierlich gegründet wurde sie schon vor mehr als zwei Jahren, doch bislang existiert sie nur juristisch, mit einer kleinen Geschäftsstelle und großem Anspruch: Die Universität Erfurt soll einmal eine Elite-, Modell- und Musteruniversität werden.

Seit sechs Jahren schon rumort in Thüringen ein mächtiger Gründungswille. Der CDU-Landesherr drängelt, der SPD-Wissenschaftsminister ist - angeblich - Feuer und Flamme, die Bürger, allen voran der Bürgermeister, sind nicht mehr zu halten, und die Projektdesigner sind überzeugt, daß ihr Konzept für die voraussichtlich letzte Universitätsgründung dieses Jahrhunderts eine Jahrhundertuniversität hervorbringen wird. Und dennoch liegt eine Frage nahe: Ist es denn vernünftig, jetzt eine neue Universität zu gründen, angesichts leerer Landesund Staatskassen, in der Zange von Überbelegung und Unterversorgung, in Notzeiten, in denen gar das Tabu der Studiengebühren zu brechen droht?

Eigentlich nicht, meinte der Wissenschaftsrat vor vier Jahren, als die erste Gründungswelle über den Osten schwappte, als westdeutsche Professoren verzückt die dort so lange verschlossenen akademischen Schätze entdeckten. Auch der Bundespräsident, damals noch Richard von Weizsäcker, machte sich für die Gründung stark. Es war zu verlockend: 1392 war Erfurts Universität einmal gegründet worden, und 1992 hätte sie - nach über 170 Jahren der Schließung - genau 600 Jahre später im frisch vereinigten Deutschland wiederauferstehen können. Doch der Wissenschaftsrat, dessen Votum immerhin auch darüber entscheidet, ob ein Projekt einmal auf Bundesmittel hoffen darf, holte die Gründungsvisionäre auf den Boden der Tatsachen zurück. Wenn überhaupt, dann müsse Erfurt sich noch einige Jahre gedulden, könne sich allenfalls eine kleine, am besten geisteswissenschaftliche Universität leisten.

Auch die sei nur finanzierbar, wenn die Medizinische Hochschule in Erfurt geschlossen und Jena zugeschlagen werde. Doch die Erfurter ließen sich nicht beirren. Thüringen hat inzwischen einen neuen Ministerpräsidenten, der von seinem Vorgänger Josef Duchac nicht viel, bestimmt aber das Engagement für die Gründung übernommen hat. Bernhard Vogel residiert in der prachtvollen alten Kurmainzischen Statthalterei mitten in der Erfurter Altstadt und bekundet vorsichtig, aber fest seinen Gründungswillen: "Die bestehenden Hochschulen sind ja nicht so vorbildlich und so fern jeder Kritik, daß man nicht einen neuen Versuch wagen sollte." Der erfahrene Universitätsgründer (in seine Amtszeit als rheinland-pfälzischer Bildungsminister von 1967 bis 1970 fällt die Gründung der Universität Trier-Kaiserslautern) übt verbal Zurückhaltung. In seiner Umgebung aber bricht sich die Begeisterung ungehindert Bahn: Erfurt habe symbolische Bedeutung, es liege so unvergleichlich in der Mitte Deutschlands. Die Universität gehöre geradezu zwangsläufig hierher, wo wieder der Mut und das Bekenntnis zu einer richtig verstandenen elitären Ausbildung vorhanden sei.

Auch der Wissenschaftsminister in Thüringen hat gewechselt, nach Ulrich Fickel (FDP) ist nun Gerd Schuchardt (SPD) ins funkelnagelneue Hochhaus am Juri-Gagarin-Ring eingezogen, rechts und links flankiert von sanierter DDR-Platte. Dort hat Schuchardt der Wind in der letzten Zeit mächtig ins Gesicht geblasen, mußte er doch als Wissenschaftsminister sowohl Stellen streichen als auch (für die neue Universität) Stellen schaffen. Der bildungspolitische Spagat hat ihm wenig gefallen, und immer noch wirken die Bekenntnisse für Erfurt als Universitätsstadt etwas gezwungen. Im Moment ist der Minister im Urlaub, und sein Staatssekretär Wolf-Dieter Dudenhausen verlautbart stellvertretend das Nötige: In einer ersten Aufbaustufe sind zunächst vier Fakultäten mit insgesamt 4000 Studienplätzen vorgesehen. Der allgemeine Studienbetrieb ist "bei optimistischer Planung" nicht vor 1999/2000 zu erwarten. Das Land erwägt zwei Bau- und Finanzierungsabschnitte, bis 2006 rund 180 Millionen Mark und dann bis 2010 etwa 140 Millionen. Dann fügt Dudenhausen das Ceterum censeo der Gründung an: Innovationen im Hochschulbereich (das Wort "Reform" wird gemieden) seien viel leichter mit einer Neugründung als an bestehenden Hochschulen durchzusetzen.

Vieles soll in Erfurt einmal ganz anders sein: feste Studienzeiten, verbindliche Curricula, ein credit point-System, bei dem Leistungsbeurteilung an die Stelle oder neben die traditionellen Prüfungen tritt, vielleicht gar Hochschuleingangsprüfungen. Eine zweite Studienphase sieht dann ein post graduate-Studium nach amerikanischem Muster vor. Möglich werden all diese Neuerungen durch die "Experimentierklausel", eine Sonderregelung, die die Uni von den Fesseln des Landeshochschulgesetzes befreit und lediglich dem Hochschulrahmengesetz verpflichtet.