Seine Heiligkeit ist online. Seit dem 6. Juli 1996, seinem einundsechzigsten Geburtstag, hat der Dalai Lama seine eigene Adresse im Internet. Während die kommunistische Führung in Peking die tibetischen Klöster nach verbotenen Photos des exilierten Religionsführers durchforsten läßt, kann sich nun jeder Netzsurfer dessen Bild auf den Bildschirm rufen.

Theoretisch könnten auch die mehr als hunderttausend Chinesen, die Schätzungen zufolge inzwischen Zugang zum Internet haben, nun an ihrem Computer die Netzadresse besuchen. Dort würden sie erfahren, daß "Tibets alte und phantastische Zivilisation und seine Umwelt nach 45 Jahren des Mißmanagements und des Mißbrauchs unter seinem kolonialen Herrscher, der Volksrepublik China, von der Auslöschung bedroht ist". Ein weiterer Mausklick, und sie könnten sich den "vollen Text der Tibet-Resolution des Deutschen Bundestags" durchlesen - oder den Fluch "Verdammte Chinesen!" auf "Tsering's Homepage" finden, der selbstgebauten Digitalseite eines jungen Tibeters, dessen Eltern aus der Heimat geflüchtet sind und der heute im amerikanischen Salt Lake City lebt.

Soweit die Theorie: Leider stehen derzeit die Chancen recht gut, daß innerhalb Chinas vor allem die Zensoren des Pekinger Ministeriums für Post und Telekommunikation von den Cyberaktivitäten der internationalen Tibetbewegung erfahren. Sie haben sich, so sagen Ingenieure in diesem Ministerium, mit modernen Filterprogrammen an die Aufgabe gemacht, alle "konterrevolutionären" Inhalte von den chinesischen Internetabonnenten fernzuhalten. Dalai-Lama-Bilder werden dort höchstwahrscheinlich ebenso ausgesiebt wie die politisch brisanten Diskussionsforen der chinesischen Studenten und Forscher in den Vereinigten Staaten .

Als in der Volksrepublik China vor zwei Jahren erstmals private und kommerzielle Nutzer die Tür zum Internet aufstoßen durften, löste das in den internationalen Medien einen Sturm der Begeisterung aus. Das Milliardenvolk werde nun Teil der virtuellen Weltgemeinschaft, lauteten überschwengliche Kommentare. Skeptiker dagegen rätselten, wie der freie Fluß der Information mit der Kontrollwut der chinesischen Diktatoren zu vereinbaren sein würde - bald werden sie es wissen.

Die kurze Phase der Anarchie und der großen Hoffnungen ist schnell zu Ende gegangen. Im Januar dieses Jahres verordnete die chinesische Regierung zunächst eine dreimonatige Sperre für neue Internetanschlüsse. Einen Monat später erhielten alle Nutzer elektronische Post von ihrem Anbieter, daß sie sich "innerhalb von dreißig Tagen" bei der Polizei registrieren lassen müßten. Wer dieser Aufforderung nicht nachkomme, dem drohe "strenge Bestrafung", hieß es gleichzeitig in den offiziellen Verlautbarungen des Großen Bruders. "Es ist vor allem ein psychologischer Druck", sagte dazu ein Pekinger Internetbenutzer: Wer weiß, daß er namentlich bei der Polizei registriert ist, wird beim virtuellen Surfen auf seine Schere im Kopf achten. Seit Anfang dieser Woche müssen Internetbenutzer in Schanghai sogar einen Vertrag unterschreiben, in dem sie sich unter anderem verpflichten, keine Staatsgeheimnisse weiterzugeben. Als "Staatsgeheimnisse" gelten in China auch alle wirtschaftlichen Informationen über staatseigene Unternehmen.

Die Kommunistische Partei Chinas versucht sich so aus einer Klemme zu befreien. Einerseits fürchten die Funktionäre, ohne den Anschluß ans Internet vom Fortschritt im Informationszeitalter abgekoppelt zu werden. Chinesische Wissenschaftler sind ebenso wie ihre ausländischen Kollegen auf den schnellen Datenzugriff und den Austausch im digitalen Raum angewiesen. Andererseits bangt die Partei um ihr Informationsmonopol, das sie bisher mit einer strengen Pressezensur weitgehend aufrechterhalten hat. Die Ambivalenz spiegelt sich in den Worten des chinesischen Ministers für Post und Telekommunikation, Wu Jichuan: "Es ist eine Art von Fortschritt, was Wissenschaft und Technologie betrifft, wenn China mit dem Internet verbunden ist. Aber als souveräner Staat wird China Kontrolle über die Information ausüben. Wenn wir uns an das Internet anschließen, dann meinen wir damit nicht die absolute Freiheit der Information." Nun sollen also mit einer großen Mauer im Cyberspace die "ungesunden" Informationen der Barbaren aus dem Reich der Mitte verbannt werden.