Rom läutet. In den Lüften ist ein heiliges Bimmelbammel, daß der Himmel schier entzweibrechen möchte. Von den Höhen läutet es und aus der Tiefe, vom Oppius, Cispius, Fagutal, vom Quirinal und Aventin, vom Kapitol und herüber von Trastevere, vom Marsfeld hinauf und hinab vom Vatikan. Es läutet aus hundert Kirchen und Kirchlein und Krypten über hundert Märtyrergräbern, es läutet für Bischöfe und Novizen, Pilger und Pilgerinnen, Schäflein und Schafe.

Warum läutet es? Weil Sonntagmorgen ist und weil die Meßweine, Oblaten und Gesangbücher der Allerchristlichsten Kirche auf Kundschaft warten. Deshalb dröhnt und klingelt es jetzt auf allen Plätzen, am Pantheon, am Forum und auch rings um den uralten, noch ante Christum aus Ägypten geraubten Obelisken vor San Giovanni in Laterano, im Angesicht der "Mutter aller Kirchen in Stadt und Welt".

Nur auf den Stufen der Scala Santa, der Heiligen Treppe, die hinauf zur mittelalterlichen Hauskapelle der Päpste führt, ist es beinahe still. Wenn man aber genau hinhört, vernimmt man ein leises, vielstimmiges Gemurmel, ein Dominus peccavi hier, ein gratia plena dort.

Etwa fünfzig Menschen, Greise und Greisinnen, Mütter, Väter und Kinder, rutschen auf Knien die enge Treppe empor, Seite an Seite, Kopf an Kopf. Ein Reisebus mit polnischem Kennzeichen hat die Schar vor dem zweistöckigen Renaissancebau abgeladen, neben dem Andenkenstand mit den Kurzbeschreibungen der gelobten Stadt Rome, Roma, Röm und Rzym, und nun knien sie alle, die Führerin voran, auf den achtundzwanzig holzbemäntelten Marmorstufen, welche die Kaisermutter Helena vor knapp siebzehnhundert Jahren aus dem angeblichen Palast des Pontius Pilatus hierherschaffen ließ, und sprechen die achtundzwanzig Gebete, die für den Aufstieg vorgeschrieben sind.

Oben wartet der Erlöser, in Stein gemalt. Unten, am Fuß der Treppe, hängt eine Tafel, die in fünf Sprachen den Sinn der Prozedur erläutert. "Zu den üblichen Bedingungen kann man folgende Ablässe erlangen: VOLLKOMMENER ABLASS an jedem Freitag der Fastenzeit, am Karfreitag und einmal im Jahr nach eigener Wahl. TEILABLASS an allen anderen Tagen des Jahres, vorausgesetzt, daß man vollkommene Reue empfindet. Die gleichen Bedingungen gelten für die beiden angrenzenden Treppen."

Als er diese Zeilen liest, wird der profane Wallfahrer von einem heiligen Ekelgefühl gepackt, das ihn auch schon an manchem anderen Ort zwischen Santiago und Tschenstochau angefallen hat. Doch dann erinnert er sich an den wahren Grund seines Besuchs und steigt reuelos die linke der beiden unbiblischen Seitentreppen hinauf. Dort oben, in der Papstkapelle, der Sancta Sanctorum, hat Quinten Quist sein tolles Ding gedreht. Und siehe, da schweigt das Geläute.