Wer Angst hat, dem erzählt man gerne Märchen. Wer Angst hat, aber keinen findet, der ihm was erzählt, der muß sich seine Märchen selber machen. Der Wiener Schauspieler und Dichter Ferdinand Raimund zum Beispiel hat die holdesten, menschenfreundlichsten Stücke des deutschen Theaters geschrieben - und war doch zeit seines kurzen Lebens der ärmste Unglückswurm, das ärgste Nervenbündel, das sich denken läßt. Ein Hypochonder, dem beinahe alles auf der Welt eine Höllenangst machte, am meisten aber die Tollwut weshalb er sich nach einem harmlosen Hundebiß die Pistole in den Mund steckte und seinem Märchendichterleben das gräßlichste Ende bereitete.

Immerzu (und schöner als alle anderen) schrieb Ferdinand Raimund vom Glück - und immer war dieses Glück der Zwillingsbruder, der lichte Doppelgänger jenes Unholds namens Angst. Wer Raimunds Märchen spielt, sollte also von der Panik mindestens ebensoviel verstehen wie von der Seligkeit. Jeder wahre Raimund-Schauspieler muß ein Raimund-Doppelgänger sein.

Für die Salzburger Festspiele hat nun Schauspieldirektor Peter Stein Raimunds berühmtestes Stück inszeniert: das "romantisch-komische Original-Zauberspiel" mit dem Titel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind". Es ist der erste Ausflug des ehemals strengsten deutschen Regisseurs in die Gefilde des österreichischen Zaubertheaters. Und Stein hat für dieses Projekt einen wahren Raimund-Wiedergänger gefunden. Nicht den Alpenkönig, nicht den Menschenfeind, seltsamerweise. Sondern Herrn Habakuk, den Kammerdiener. Den Schauspielkünstler Walter Schmidinger!

Wer glücklich ist, hat Angst, das Glück zu verlieren. Diese Angst kann einen stumm machen, aber auch redselig. Man schwärmt dann immerzu von seinem Glück, um es so an sich zu fesseln.

Herrn Habakuks Glück ist ein rechtes Kammerdienerglück. Er war zwei Jahre in Paris. Behauptet er - bei jeder möglichen und erst recht bei jeder unmöglichen Gelegenheit. Das ist sein Lebensmärchen, der gestrenge Herr Ibsen würde sagen: seine Lebenslüge. Vielleicht nämlich ist Herr Habakuk bloß zwei Jahre in Stockerau gewesen. Gleichviel. Sein ewiger Refrain "Ich war zwei Jahre in Paris" gibt seinem österreichischen Domestikenleben weltstädtischen Glanz - macht ihn, so meint er, zu einer Person mit Geheimnis, Eros, Dämonie.

Ein blödsinniger Kindskopf ist er - aber so, wie Schmidinger ihn spielt, auch ein Grenzgänger, ein Winterreisender am Abgrund zu Schwermut und Wahn. Ein Mensch mit tausend Rissen - und das in einer Aufführung, die sich sonst als recht stabile Zaubertheaterschatulle präsentiert.