Das Ereignis war als medizinische Weltpremiere angekündigt und bisher nur aus Filmschnulzen a la Schwarzwaldklinik bekannt: Erstmals hatte ein Arzt einem anonymen Empfänger eine Niere gespendet. Am vergangenen Freitag stellte sich der Spender, der 53jährige Medizinprofessor Jochem Hoyer, in München der Presse. An der dortigen Universitätsklinik war eine seiner beiden Nieren herausoperiert und einem anonymen Schwerkranken übertragen worden, der auf der Warteliste stand. Hoyer legte jedoch auf das Einmalige an seiner Tat keinen Wert: "Ich tat dies nicht mit der Absicht, zur anonymen Lebendspende anzuregen." Warum?

Das neue deutsche Transplantationsgesetz, das im Herbst im Bundestag beraten wird, sieht keine anonymen Lebendspenden vor. Die Politiker befürchten, daß sich durch anonyme Spenden kommerzielle Interessen in das Organspendewesen einschleichen: So könnte sich ein todkranker Krösus eine Niere verschaffen, indem er eine hohe Belohnung dafür aussetzt. Der Ring Deutscher Makler hätte dann rasch ein neues blühendes Geschäftsfeld: Organhandel.

Was also motivierte Jochem Hoyer, der das Transplantationszentrum der Medizinischen Universität Lübeck leitet, nach München zu reisen, dort Urlaub und Niere zu opfern? Er wolle durch seine Tat "denjenigen Menschen eine moralische Unterstützung geben, die vor der Entscheidung stehen, ihrem Verwandten, Lebensgefährten, enger Freundin oder engem Freund mit einer Lebendspende aus ihrer Not zu helfen." Die Transplantationsmediziner würden zwar immer auf die geringe Gefahr einer Nierenentnahme für Spender verweisen. Doch "wenn dieses durch einen aus der Gruppe der Transplantationsmediziner selbst zur Tat erhoben wird", dann festige dies "die Glaubwürdigkeit der Aussagen erheblich", sagte er.

Lange Zeit war die Organentnahme von Lebenden in der Medizin umstritten, nicht zuletzt wegen der schwer abwägbaren Risiken für den Spender. Hinzu kam ein weiteres Problem: Wenn Verwandte oder enge Freunde eine Niere zur Verfügung stellen, dann passen ihre Gewebemerkmale in der Regel nur schlecht zu jenen des Empfängers. Somit drohte auch ein erhöhtes Risiko, daß das gespendete Organ vom Körper des Empfängers als fremd erkannt und wieder abgestoßen wird. Doch in beiden Punkten haben viele Transplantationsmediziner ihre Meinung inzwischen aufgrund von Ergebnissen großer Langzeitstudien geändert. Obwohl die Entnahme einer Niere oder eines Teils der Leber einen massiven Eingriff darstellt, sind die Gesundheitsrisiken für Lebendspender inzwischen gering. Die Leber wächst wieder nach, auch mit einer Niere läßt sich fröhlich weiterleben. Und Medikamente machen es inzwischen möglich, die Abstoßungsprobleme bei unterschiedlichen Gewebemerkmalen gut zu beherrschen. Es hat sich sogar herausgestellt, daß die Empfänger von Organen aus Lebendspenden, etwa Ehepartner, bessere Überlebenschancen haben als beim klassischen Verfahren, wonach die Organe von Unfallopfern jenen auf den Wartelisten zugeteilt werden, deren Gewebemerkmale am besten mit dem Spender übereinstimmen. Ausschlaggebend für den besseren Heilerfolg mit Lebendspenden dürfte sein, daß hierbei völlig gesunde Organe übertragen werden. Diese scheinen bei Unfallopfern bisweilen vorgeschädigt zu sein, etwa infolge der vorhergehenden Belastungen beim Todeskampf.

Vor allem die Skandinavier haben daraus früh Konsequenzen gezogen: In Norwegen stammte bereits im Jahre 1990 jede zweite transplantierte Niere aus Lebendspenden, in Dänemark und Schweden immerhin nahezu jede vierte. In Deutschland hingegen lag die Quote damals bei nur 1,7 Prozent. Inzwischen nehmen auch hierzulande die Lebendspenden zu - nicht zuletzt, weil auch bei vielen Transplantationsmedizinern die ablehnende Haltung schwindet. Ausführliche psychologische Beratungen und monatelange Bedenkzeiten sollen verhindern, daß die Spender unter familiärem oder freundschaftlichem Druck handeln. Auch Jochem Hoyer mußte sich in München einer psychologischen Abklärung unterziehen. Den Anstoß für ihn hatte vor neun Monaten die Diskussion mit einem Kollegen gegeben. Dieser hielt ihm vor: "Wie können wir als Ärzte einen Gesunden zur Organspende überreden, wenn wir dazu nicht auch selbst bereit sind?"

Das Argument beeindruckte Hoyer. Nun hat er es widerlegt. Bleibt zu hoffen, daß sein Beispiel tatsächlich Altruismus weckt - mehrere tausend Schwerkranke warten sehnlichst auf ein neues Organ.