Karl-Heinz Janßen: "Ein symbolisches Attentat?" (Rezension von Dietrich Schmidt-Hackenberg: "20. Juli 1944 - Das ,gescheiterte` Attentat"), ZEIT Nr. 30

Journalisten erfinden Interviews mit Prinzessinnen und drucken sie als "Wahrheit", Diplomsoziologen erfinden neue geschichtliche Thesen, und der Rezensent stellt in seinem Artikel die Frage: "Ein symbolisches Attentat?" Er untermauert die Glaubwürdigkeit der absurden Thesen von Schmidt-Hackenberg mit dessen angeblichen "pädagogischen Erfahrungen als Berufsbildungsforscher" und der Tatsache, daß dieser sich Hitlers Kartentisch nachbauen ließ.

Die Wahrheit läßt sich offensichtlich nicht mehr spannend genug verkaufen! Natürlich waren sich Claus Stauffenberg und seine Freunde, die an dem Attentat auf Hitler beteiligt waren und zu ihm standen, der Problematik und der Gefahren voll bewußt. Auf einen sofortigen Waffenstillstand mit den Alliierten, um die Besetzung Deutschlands zu verhindern, konnte man kaum noch hoffen, und auch auf Dolchstoßvorwürfe mußte man gefaßt sein. Aber es ging darum, durch die Beseitigung Hitlers und seines Regimes, millionenfaches Töten, die verbrecherischen Konzentrationslager, die Flucht und Vertreibung von Millionen Frauen und Kindern und die Verwüstung Europas zu beenden.

Jan von Haeften, Hamburg

Der tatsächliche Hergang des Attentats ist so eindeutig, daß man den Irrwegen Schmidt-Hackenbergs kaum folgen kann. Weiß er nicht, daß Stauffenberg oder Haeften, als sie die zweite Bombe zünden wollten, gestört wurden? Daß sie diese, im Glauben, eine würde ausreichen, dann nicht mehr zündeten? Weiß er nicht, daß die "Lage" an diesem Tage ausnahmsweise nicht im Bunker abgehalten wurde, sondern in der Baracke mit ihren für eine Bombe ungünstigen Druckverhältnissen?

Weiß er nicht, daß die Aktentasche von einem Teilnehmer in der Vortragsrunde, wahrscheinlich John, erst in die schlechte Position gestellt wurde? Weiß er nicht, daß Stauffenberg fest überzeugt war, Hitler getötet zu haben?

Nach einem gelungenen Attentat wäre der Krieg sofort beendet worden, das Morden in der Heimat und an der Front hätte aufgehört, und die KZs wären geöffnet worden. Bis zum 20. Juli sind 2,8 Millionen (Zivilisten und Soldaten) umgekommen, nach dem 20. Juli bis zum Kriegsende 4,8 Millionen. Allein die Zahlen beweisen, wie notwendig die Tötung Hitlers als Voraussetzung für eine Beendigung des Krieges gewesen wäre. Dies war mit einem "symbolischen Attentat" nicht zu erreichen.

Philipp Freiherr von Boeselager,

Kreuzberg/Ahr

Stauffenberg wird unterstellt, er habe nur ein auf Scheitern angelegtes "symbolisches" Attentat ausgeführt, um "Hitler und der Welt" (!!?)

"ungebrochene" Entschlossenheit zur Wende zu demonstrieren. Wäre dies so, dann hätte Stauffenberg also alle seine Mitverschwörer vorsätzlich in eine Falle gelockt, in der Tausende ihr Leben verloren haben, die an Stauffenberg und seine ungebrochene Entschlossenheit, mit Hitler Schluß zu machen, geglaubt haben. Diese These ist wirklich das Niederträchtigste, was je über den 20. Juli und Stauffenberg geschrieben worden ist. Allerdings ist auch Eberhard Jäckel energisch zu widersprechen. Mag sein, ein erfolgreicher Putsch hätte Demagogen einigen Stoff geliefert, eine neue Dolchstoßlegende zu stricken.

Aber was hat denn sein Scheitern gekostet? Fast fünf Millionen Deutschen das Leben in den letzten neuneinhalb Monaten des Krieges.

Ein erfolgreicher Putsch hätte die Wiederbegründung der Demokratie zutiefst erschwert?? Woher nimmt Jäckel denn diese Behauptung?

Am 20. Juli stand die Rote Armee noch innerhalb der Grenzen der Sowjetunion. Im Gegenteil: Das Scheitern des 20. Juli hat Hitler Gelegenheit gegeben, fast alle Kräfte, die den Vormarsch des Stalinismus an die Elbe noch aufhalten konnten, mit in seinen Untergang zu reißen. Ein erfolgreicher Putsch hätte die Stalinisierung Osteuropas wenn nicht verhindert, so doch unerhört erschwert. Die Teilung Deutschlands wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert worden, weil es eben eine aus dem Widerstand hervorgegangene deutsche Zentralregierung gegeben hätte, die - wie Churchill noch in Jalta gesagt hat (Anfang 1945) - es wert gewesen wäre, mit ihr zu verhandeln.

Am Scheitern des 20. Juli, dieses letzten, verspäteten Versuchs von deutschen Patrioten, Deutschland selbst von den Nazimördern zu befreien, anstatt dies unter grauenvollen Opfern den Alliierten zu überlassen, darunter hat unser Volk Jahrzehnte gelitten und leidet immer noch daran. Das ist die geschichtliche Wahrheit - und nichts anderes.

Heinrich Graf von Einsiedel (MdB),

z. Z. Sevilla

Die Zeichnung über den Platz der Aktentasche läßt die Hauptsache nicht deutlich werden: Bekanntlich stand die Aktentasche innen und wurde von Oberst Brandt nach außen gestellt, weil sie störte.

Wenn die Aktentasche innen gestanden hätte, wo sie bekanntlich Oberst von Stauffenberg hingestellt hatte, wäre Hitler ganz bestimmt tot gewesen. Oberst Brandt, General Korten und General Schmundt standen nicht in der Reihe Hitlers, sondern gegenüber der Aktentasche.

General Schmundt war bekanntlich auch tot. Das alles gibt nach meiner Meinung das Bild, daß Stauffenberg Hitler wirklich töten wollte.

Fritz Hausbacher, Reit im Winkl

Die Grundrißzeichnung vermittelt einen falschen Eindruck. Es waren weitaus mehr Personen in diesem kleinen Raum, nämlich vierundzwanzig statt der dargestellten sieben. Ferner gab es ein ständiges Kommen und Gehen der Beteiligten, die damit zwangsläufig oft ihre Positionen wechselten. Die Vermutung des Autors, bei dem Attentat könne es sich um einen vorbedachten Fehlschlag gehandelt haben, wäre in sich schlüssig, wenn man nur den Zeitraum bis zur Explosion bewertet.

Was dann nicht mehr dazu paßt, ist der nachfolgende Ablauf. Stauffenberg ist doch davon ausgegangen, daß sein Attentat im ursprünglich geplanten Sinne erfolgreich war, Hitler also tot ist. Darum setzte er in Berlin wie vorgesehen die "Walküre" in Gang.

Heinz-Joachim Sigel, Neuss