Endspurt im Stakkato

Die Sportstätte lag nicht gerade am Wege, sondern verborgen tief unten im Bauch des Georgia World Congress Center. Auf Rolltreppen schwebte der Besucher hinab, Etage um Etage, während die Teppiche immer dünner und die Mauern immer kahler wurden. Dann kam die Wand, weiß und hoch, darin eingelassen sechs graue Türen: eine olympische Schleuse, die einzige, die nur gegen störende Zugluft eingerichtet war und gegen nichts sonst.

Sechs graue Türen vorn, sechs graue Türen hinten, dazwischen ein grauer Raum für jeweils vierzig Personen, die wartend zusammenstehen.

Für einige Augenblicke ist es nur kalt und still. Ein Klopfzeichen ertönt, die Schleusentore öffnen sich zu einem Kellerraum, halb so groß wie ein Fußballfeld. Ein intimer Ort, mit schwarzem Tuch an den Wänden und einem Tisch in der Mitte: lilafarben, sechs Beine.

Die olympische Tischtennisarena bezog ihren Reiz aus der Reduzierung auf das Wesentliche. Je länger die Spiele dauerten, desto deutlicher wurde dies. Zwei Männer, zwei Schläger, der Tisch, ein Ball. Drei Fernsehkameras genügten, das Geschehen zu beäugen.

Als Jörg Rosskopf die Arena betritt, winken ihm ein paar deutsche Fahnen zu. Doch "Rossi", schwarze Hose, blaues Hemd, blasses Gesicht, sieht nicht hin. Die Adern an seiner Stirn sind geschwollen, kurz fixiert er seinen Gegner. Der tänzelt, wirkt nervös, sehr nervös.

Endspurt im Stakkato

Zwei-, dreimal läßt Rosskopf die kleine gelbe Zelluloidkugel aufspringen, dann legt er sie behutsam in die Innenfläche seiner rechten Hand und läßt sie nicht mehr aus den Augen.

Pingpong als Arbeit im Verborgenen. Es dauert Sekunden. Langsam läßt der Deutsche den linken Arm, seinen Schlagarm, hinter dem Körper verschwinden. Langsam schiebt er seine Rechte mit dem Ball noch eine Winzigkeit vor, dann krümmt Rosskopf den Rücken und beugt sich tief hinunter auf die Platte. Plötzlich ein Ruck, die gelbe Kugel ist im Spiel, mit perfidem Effet. Niemand in der Halle hat gesehen, welchen Kurs ihr der Schläger gab. Niemand weiß es, außer Rosskopf. 1 : 0, ein erster Punkt im Kampf um Bronze. Bronze?

Zum Ende der Olympischen Spiele ging es um alles und sonst nichts.

Sieg statt Platz, etwas anderes als Gold schien in den Arenen gar nicht mehr verteilt zu werden. "What happened?" lautete die beliebteste Frage der heimischen Reporter an die Adresse jener, die verloren hatten, die nur als Zweite, Dritte oder was auch immer durchs Ziel gegangen waren. Zum Beispiel die Schmach beim Baseball, nur Bronze am Ende des Turniers, what happened? "Der Rest der Welt hat aufgeholt", formulierte Skip Bertman, der US-Coach, düster, als sich ihm die Mikrophone von NBC entgegenbohrten. "Bronze ist doch besser als nichts", schob er nach, aber da war das Rotlicht der Kamera vor ihm schon erloschen.

Die Zeit der Bilanzen war angebrochen. What happened? Zum Beispiel mit Melanie Paschke. "Ich bin zufrieden", hatte die beste deutsche Sprinterin beim Training für Olympia gesagt. "Wenn ich nicht zufrieden wäre, würde ich es ändern." Das klang gut, alles, fast alles schien möglich, und nun dies: im Zwischenlauf über 200 Meter ausgeschieden, keine Medaille, kein gar nichts.

Sie ließ sich etwas Zeit, ehe sie in die Katakomben des Stadions einbog. Metallgitter wiesen ihr den Weg in die "Mixed Zone", jenen Ort, an dem die olympischen Sportler die olympischen Reporter treffen, ob sie wollen oder nicht. "Was ist passiert?" Melanie Paschke versuchte, die Startnummer von ihrem Trikot zu entfernen.

Endspurt im Stakkato

Sie brauchte eine Weile, um die beiden Sicherheitsnadeln zu öffnen.

Wasser lief ihr über die Stirn. "Ihr fragt immer das gleiche", sagte sie. Es klang nicht einmal vorwurfsvoll.

Kritik an ihrem Training wollte sie nicht zurückweisen. Jedenfalls fühlte sie sich im Augenblick "ziemlich abgestumpft". Nun könne sie ja "die Spiele ein bißchen genießen", meinte ein Reporter.

Melanie Paschke zuckte mit den Schultern. "Ich hab' ja noch die Staffel."

Endspurt im Stakkato

Um die Tischtenniswettbewerbe in den Griff zu bekommen, hatten die Organisatoren nicht nur eine Schleuse eingerichtet, sondern auch umfangreiches Analysegerät herbeigeschafft. Gerne wurde darauf hingewiesen, im modernen Tischtennis sei der Bereich zwischen Schläger und Belag als besonders heikel erkannt. Geheimnisvolle Klebemittel, kurz vor Beginn eines Spiels appliziert, erhöhen das Drehmoment der Bälle um bis zu 25 Prozent. Doch solche Lösungsmittel sind toxisch, also verboten. Wer sie benutzt, darf nicht mehr mitmachen, da war man ganz hart in Atlanta. Die tunesische Spielerin Sonia Touati war eine solche Sünderin. Sie wurde ertappt, man schickte sie fort.

Das war von bemerkenswerter Klarheit. Viele hätten sich mehr davon gewünscht. Bei allem Jubel: Was war mit der jungen Schwimmerin aus Irland, die über 400 Meter Freistil vor der Deutschen Dagmar Hase die Goldmedaille gewann? In einem Jahr hatte sie ihre Zeit über diese Strecke um neunzehn Sekunden verbessert. Ergebnis einer Schinderei ohne Ende, verfeinerter Trainingsmethoden - oder was um alles in der Welt hatte ihr sonst auf die Sprünge geholfen?

Hat er, oder hat er nicht? Nachdem er in vier Jahren vierzig Kilo zugenommen hatte, stieg der russische Gewichtheber Andrej Chemerkin in Atlanta auf die Heberbühne und stemmte Weltrekord. 260 Kilo wuchtete er nach oben. Da konnten die anderen nur staunen. Der Münchner Manfred Nerlinger sah sich gar dazu veranlaßt, mit seinem Schicksal zu hadern. Seit sechzehn Jahren ist Nerlinger in der Branche. "Ich werde seit Jahren beschissen", sagte er, nachdem er in Atlanta Sechster geworden war.

Die Dopingfahnder hatten ihren Sitz am Presidential Drive, einer grünbewachsenen Seitenstraße am Rande der Stadt. Angeblich fahndeten die Fahnder dort rund um die Uhr. Nach den anabolen Steroiden, nach den Stimulanzien, nach den "flashmen", die, so sagt man, "es bringen können", wenn es darauf ankommt. Bei aller Fahndung: Entscheidende Orientierung, beruhigende Aufschlüsse kamen nicht aus dem Presidential Drive.

Vielleicht war es ja gar nicht möglich. Heutzutage sind chemische Labors mit Wachstumspräparaten behilflich. Gehandelt werden sie unter Kürzeln wie AG 1 oder EPO. Ein Nachteil dieser Mittel, die bisher auf den Verbotslisten nicht auftauchen, ist, daß sie angeblich auch die Kieferknochen wieder wachsen lassen, die Athleten sehen sich gezwungen, Zahnspangen zu tragen.

Bis zum Jahr 2000 in Sydney soll alles ganz anders werden. Wachstumshormone sollen verboten werden, ihr Nachweis soll gelingen. Ein Versprechen des IOC. Zwei Millionen Dollar wollen die Herren der fünf Ringe für die Forschung spendieren. "Recht dürftig für eine Milliarden-Dollar-Industrie, wie das IOC eine ist", monierte Charles Yesalis, ein Professor in Pennsylvania, der das Doping gründlich erforscht hat, in der New York Times.

Die Kritik verhallt. Vielleicht ist es wirklich nicht die Stunde, sich Gedanken über EPO zu machen. Es geht nur um Gold.

Endspurt im Stakkato

Michael Johnson war noch immer in der Stadt. Zum zweiten Mal ging er an den Start. 200 Meter, das Finale.

Die unerhörteste Begebenheit der siebzehn Tage. Als es vorbei war, begannen viele Sätze auf den Tribünen mit den Worten "Mein Gott". Johnsons Reaktionszeit beim Start - 0,161 Sekunden. Die Kurve, in der fast alle gleichauf liegen, trotz eines leichten Strauchlers des Favoriten beim vierten Schritt. "Nach 80 Metern dachte ich, es geht nicht mehr schneller", wird Johnson später sagen. Welcher Irrtum des Meisters!

Anders als in den Vorläufen, in denen er, den sicheren Sieg vor Augen, weit vor dem Ziel das Tempo herausnahm, macht der Mann mit der Startnummer 2370 jetzt Ernst. Den Kopf, den ganzen Oberkörper hält er ruhig, aber er erhöht die Geschwindigkeit auf den verbleibenden 100 Metern in einer Weise, die die anderen nur noch als grausam empfinden können. Im Stakkato berühren seine goldenen Schuhe die Laufbahn. Sie glänzen wie Goldtaler. Drei Meter Vorsprung hat er im Ziel, das hat es noch nicht gegeben. Ein sagenhafter Weltrekord: 19,32 Sekunden.

Ein Sprint für die Ewigkeit? "Ich bezweifle, ob wir daran je rühren werden", meinte Silbermedaillengewinner Fredericks später. Er war stolz, dabeigewesen zu sein.

Als im Keller von Atlantas Kongreßzentrum der Matchball verwandelt war, ließ sich der deutsche Tischtennisspieler zu Boden fallen.

"Rossi, Rossi!" Er blieb lange liegen, was war passiert? Gab es Anlaß, sich Sorgen zu machen? Dann stand er auf, die Freude über die Bronzemedaille stand ihm ins blasse Gesicht geschrieben. "Mein größter Erfolg", sagte Rosskopf bescheiden, bevor er die Schleuse betrat und hinausging ins Freie. "Aber Medaillen sind nicht alles."

Endspurt im Stakkato

In Atlanta hat man es sehen können.

Dann erlosch das olympische Feuer. Miss Brown hat es im Fernsehen mitbekommen. Sie besitzt ein kleines Lebensmittelgeschäft am Rande von Sweet Auburn, wo Martin Luther Kings Baptistenkirche steht. Vor den Spielen hatte sie gebangt: "Wie wird die Welt uns sehen?" Die gütige schwarze Dame war aber auch zuversichtlich gewesen. Von "Martin" spricht sie, als stünde er noch immer neben ihr. "Wir haben es weit gebracht." Ein bißchen hatte sie schon gehofft, daß die Welt erleben könnte, wie Schwarze und Weiße ihre Vorurteile überwunden haben. Und hatte erwartet, nun ja, auch, ein wenig am olympischen Segen teilzuhaben. What happened? Irgendwie hatte die Polizei vergessen, die Auburn Avenue für den Autoverkehr zu sperren, einfach vergessen.

Als Beverly Harvard, die schwarze Polizeichefin von Atlanta, den Fehler korrigieren ließ, war es zu spät. Auf den Straßen des süßen Auburn feierte niemand während der vergangenen siebzehn Tage.

Miss Browns grocery store sah nur die regulären Kunden, die meist auf Pump kaufen. Und doch strahlt die alte Dame. Allen, die in ihrer Nachbarschaft moserten - "Es ist nur deren Veranstaltung" - hatte sie entgegengehalten: "Wenn ein Kind das olympische Feuer sieht, wird es vielleicht sein Leben lang dessen Hoffnungsfunken mit sich tragen." Miss Brown meinte es wirklich.

Sie hat die Spiele genossen. Als der Moment des Abschieds kommt, fragt sie mit ihrem eindringlichen Blick, der keine Ausflüchte duldet: "Haben wir nicht unser Bestes gegeben?"