Das einzige, was die Tochter nach dem Tod ihrer Mutter aus dem Konzentrationslager bekam, war ein Zahn. "Ich wollte dir eine Freude machen", sagte die Frau aus Ravensbrück, die ihn brachte, zu der sechzehnjährigen Jana. Dazu kamen Berichte, Zeugnisse von Mitgefangenen, die überlebt hatten, die Zeichnung einer Polin aus dem Lager. Aber erst der Zahn, "das Bruchstück ihres Lächelns", brachte der Tochter den unumstößlichen Beweis, daß ihre Mutter, Milena Jesenská, tot war.
Das letzte Mal, als Jana Cerná ihre Mutter gesehen hatte, war auf dem Flur der Gestapo in Prag im Sommer 1940. Mager, das Haar hing bis auf die Schultern, vorspringende Backenknochen und riesige blaue Augen. Sie erkannte sie erst an ihrem Hinken. Die Berichte der Frauen aus Ravensbrück verbanden sich mit früheren Erinnerungen von Freunden, Feinden, von Mitarbeiterinnen aus der Redaktion, mit eigenen Erfahrungen der Tochter. Aber ein klares Bild wollte sich nicht einstellen.