Ein Staat zieht sich zurück. Arme läßt er Arme sein. Wer fünf Jahre von der Sozialhilfe gelebt hat, bekommt nichts mehr, keinen Dollar, keinen Cent. Soll er doch sehen, wo er bleibt.

Modell Amerika: Wenn deutsche Neoliberale davon schwärmen, meinen sie Arbeit für alle und Wachstum im Sauseschritt. Sie meinen auch einen schlanken Staat, vor allem einen schlanken Sozialstaat. So ausgemergelt wie er heute ist, war er sechzig Jahre nicht mehr. Vergangene Woche hat Bill Clinton angekündigt, er werde ein neues Gesetz zur Reform der Sozialhilfe unterzeichnen. Künftig lassen die Vereinigten Staaten, das reichste Land der Welt, einen Teil ihrer Bürger im Stich. Ob sie hungern oder frieren - die Regierung kümmert es nicht. Pech gehabt. Ein Eishauch sozialer Kälte weht seither über den Atlantik.

Modell Amerika? Auch in Deutschland gilt seit der vergangenen Woche ein neues Sozialhilfegesetz. Und der Bundestag berät ein Sparpaket, dessen dickste Brocken bei den Schwachen eingesammelt werden. Vergleichbar ist das allerdings nicht. Zwar wird auch in der Bundesrepublik das soziale Netz grobmaschiger. Doch jeder Bürger kann weiterhin sicher sein, daß sich der Staat in einer Notlage seiner annimmt, und sei es für den Rest seines Lebens.

Dennoch gibt es eine Parallele. Auch hierzulande wird die Wohlfahrt verteufelt wie noch nie. Wer die Debatte über den Standort Deutschland verfolgt, muß den Eindruck gewinnen, alle Übel hingen am Sozialstaat, dem Dämon unserer Zeit. Steuern und Beiträge seien zu hoch, sie beschwerten die Wirtschaft im globalen Kampf um Marktanteile. Die Jungen und die Besserverdienenden, vertreten durch die FDP, wollen weniger zahlen für die Alten und die Armen. Der Sozialstaat - die Leistungen des Staates und der Sozialversicherungen - gilt ihnen als Relikt einer anderen Zeit, als Hindernis auf dem Weg zu Glück und Wohlstand. Das ist nicht nur egoistisch gemeint: Das System sozialer Sicherung, heißt es, hemme die Gesellschaft insgesamt.

Aber das ist ein Irrtum. Das Gegenteil ist richtig. Ein funktionierender Sozialstaat ist die beste Stütze gerade einer postmodernen Gesellschaft. Und er nützt nicht nur den Schwachen, sondern paradoxerweise auch jenen, die ihn mit Abräumbaggern bearbeiten wollen. Man kann sogar sagen: Der Sozialstaat ist sein Geld wert.

Niemand bestreitet, daß es in Deutschland Armut gibt. Es geht nur um die Frage, wie die Elenden am besten zu einem würdigen Leben finden können. Die Alternative zum Sozialstaat heißt Verantwortung, ein Wort mit Konjunktur. Gemeint ist damit zweierlei: Jeder sorgt für sich selbst und einer für den anderen. Das klingt gut. Aber ist dies ein tauglicher Weg, den Sozialstaat in wesentlichen Teilen zu ersetzen?