Es geschah am Abend des 27. Juni 1918, kurz vor Beginn des fünften Kriegsjahres. Die als englisches Lazarettschiff gekennzeichnete und gemeldete Llandovery Castle steuert auf die irische Küste zu. Das Schiff kehrt von Halifax zurück, wohin es Verwundete gebracht hat. Kapitän Sylvestre hat neben 164 Mann Besatzung noch 80 kanadische Arztoffiziere und Sanitäter sowie 14 Rote-Kreuz-Pflegeschwestern an Bord. Er kann unbesorgt sein: Die See ist ruhig, England ist nah, und ein Lazarettschiff mit Roter-Kreuz-Bemalung hat eigentlich keine Angriffe zu befürchten. Sie sind völkerrechtlich untersagt.

Was Kapitän Sylvestre nicht weiß: Seit Stunden folgt ein deutsches U-Boot der Llandovery Castle. U 86 steht unter dem Kommando des Oberleutnants zur See Helmuth Patzig. Über Bedenken setzte er sich hinweg: Hieß es nicht in der deutschen Marine so oft, daß die Entente ihre Truppen- und Munitionstransporter völkerrechtswidrig als Lazarettschiffe tarne? Patzig will es darauf ankommen lassen: Er greift an.

Um 9.30 Uhr Ortszeit, 116 Meilen südwestlich von Fastnet (Irland), trifft ein Torpedo das Lazarettschiff mittschiffs an der Backbordseite.

Der Kessel explodiert, das Schiff sinkt binnen zehn Minuten. Zumindestens drei Rettungsboote können sich freischwimmen, darunter auch das Boot Nummer vier mit Kapitän Sylvestre an Bord. Man fängt gleich an, andere Schiffbrüchige aus dem Wasser zu fischen. Doch U 86 kommt heran, befiehlt, die Rettung abzubrechen und längseits zu gehen. Kommandant Patzig verhört den Kapitän und einige Offiziere, findet aber all seine Mißbrauchsannahmen widerlegt. Zunächst läßt er die Rettungsboote ziehen, dreht ab.

Dann aber kehrt U 86 zurück, steuert auf die Rettungsboote zu, versucht sie zu rammen. Doch die können ausweichen. Patzig gibt das Kommando "Tauchklar". Die Mannschaft geht unter Deck - bis auf den Kommandanten, die beiden Wachoffiziere Dithmar und Boldt sowie den Oberbootsmannsmaat Meißner. Dann feuert das U-Boot mit dem Bordgeschütz auf die Rettungsboote, macht sie nieder. Nur das Kapitänsboot kann in der Dunkelheit entkommen. 234 Menschen aber werden bei dem Angriff getötet.

Danach nimmt Kommandant Patzig seinen Offizieren und der Mannschaft das Versprechen ab, über diese Tat zu schweigen. Was geschehen sei, habe er nur vor Gott und vor seinem Gewissen zu verantworten.