Unter den deutschen Juristen fand sich kaum jemand, der das Gericht gegen diese Urteilsschelte verteidigte, nicht einmal der Deutsche Richterbund, der zur selben Zeit auch in Leipzig tagte.

3. Akt: Dithmar und Boldt brauchten nicht lange im Gefängnis einzusitzen.

Bereits am 17. November 1921 entkam Boldt aus einem Hamburger Gefängnis. Dithmar wurde am 29. Januar 1922 in Naumburg an der Saale von einigen der späteren Rathenau-Mörder, Mitgliedern der Untergrund-Organisation Consul des Kapitäns Ehrhardt, aus dem Gefängnis geholt. Beide Befreiten konnten sich ins Ausland absetzen.

4. Akt: Im August 1925 wandte sich der neue Reichspräsident von Hindenburg mit einer Frage an den Reichsjustizminister: Können Dithmar und Boldt begnadigt werden? Schließlich sollten nicht nur "Landesverräter" von seiner bei Amtsantritt geplanten Amnestie profitieren, sondern auch "Landesverteidiger". Auswärtiges Amt und Justizministerium lehnten ab - aus Angst vor Kritik aus dem Ausland.

Plötzlich stellte sich der untergetauchte Kommandant der beiden Wachoffiziere, Helmuth Patzig, den Justizbehörden. Er gestand die Tat, bestätigte alle Annahmen des Reichsgerichts und wurde weder verhaftet noch verurteilt. Im Gegenteil - der Haftbefehl gegen ihn wurde aufgehoben, da der Tatverdacht nicht mehr dringend sei! Das Auswärtige Amt mahnte jedoch, die Entscheidung der Öffentlichkeit vorzuenthalten, um der "Kriegsgreuelpropaganda" im Ausland keine neue Nahrung zu geben.

Ende 1926 hörte das Reichsgericht den Kommandanten und die ebenfalls wiederaufgetauchten Dithmar und Boldt in einem Wiederaufnahmeverfahren und widerrief den Strafvollstreckungsbefehl. Am 4. Mai 1928 hob der V. Strafsenat unter dem Präsidenten Mentzel und mit den Reichsgerichtsräten Baumgarten, Hüfner, Mengelkoch und Rheinisch das Urteil von 1921 gegen Boldt und Dithmar auf und sprach sie von der Beihilfe zum Totschlag frei. Im Gegensatz zum II. Strafsenat bewerteten sie das bloße Ausguckhalten noch nicht als Unterstützung der Tat des Kommandanten. Vielmehr hätten Dithmar und Boldt ihre "Ehrenhaftigkeit ganz besonders bewiesen", meinten die Richter.