Bevor an dieser Stelle die bahnbrechenden Ergebnisse der amerikanischen Marsforschung vorgestellt werden, soll kurz zweier Wissenschaftler aus Albuquerque, New Mexico, gedacht werden, die nur knapp den Weltruhm verfehlten. Auch Jim Papike und Chip Shearer von der University of New Mexico untersuchten kürzlich den Marsmeteoriten "ALH84001". Demnächst werden ihre Ergebnisse in der kaum bekannten geochemischen Fachzeitschrift Geochimica et Cosmochimica Acta veröffentlicht - und vermutlich kräht kein Hahn danach. Denn Papike und Shearer analysierten auf ihrer Suche nach Spuren außerirdischen Lebens den mutmaßlichen Brocken vom roten Planeten vor allem auf Schwefelisotope. Ergebnis: Es fanden sich keine Hinweise auf irgendwelche biologische Aktivitäten.

Während die beiden Unglücksraben mit ihren ehrenwerten, aber enttäuschenden Ergebnissen gerade einmal Beachtung in der Lokalzeitung fanden, lösten ihre Forscherkollegen von der Nasa mit demselben unscheinbaren Gestein eine wahre Marseuphorie aus. Das Ergebnis des Teams um David McKay schlug auf der Erde wie ein Meteorit ein: Die Forscher meinen, zum ersten Mal den Nachweis liefern zu können, daß es auf dem Mars möglicherweise Leben gab.

Die amerikanische Raumfahrtagentur bewies dabei, daß sie zumindest auf einem Gebiet immer noch Weltspitze ist: in der schlagzeilenträchtigen Vermarktung ihrer Ergebnisse. Denn die Forschungsarbeit, die in dieser Woche in der Fachzeitschrift Science erscheint, ist durchweg vorsichtig formuliert und trägt die Spekulation schon im Titel. "Suche nach früherem Leben auf dem Mars: Mögliche Überreste biogener Aktivität in Marsmeteorit ALH84001", heißt es da bescheiden. Als allerdings am vergangenen Mittwoch diese Ergebnisse vorab der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurden, hatte die Bescheidenheit ein Ende. "Dieser Tag geht möglicherweise in die Geschichte der amerikanischen Wissenschaft, des amerikanischen Volkes und der Menschheit ein", posaunte der Chef der Nasa, Daniel Goldin. Der eloquente Goldin bewies seine Fähigkeiten als visionsbegabter Raumfahrtmanager und balancierte gekonnt zwischen wissenschaftlicher Zurückhaltung und mitreißender Rhetorik hin und her. So bekannte er zwar ehrlich, daß die Ergebnisse kein endgültiger Beweis seien und es bislang auch noch keinen wissenschaftlichen Konsens gebe. Doch souverän ließ der Nasa-Administrator dann solche Kleinlichkeiten hinter sich und richtete den Blick zu den Sternen: "Wir stehen jetzt an der Schwelle zum Himmel. Was für eine Zeit zu leben."

Der amerikanische Nachrichtensender CNN trug Goldins kosmische Vision in alle Welt. Die Medien griffen begeistert zu und machten die wissenschaftliche Möglichkeit vom belebten Mars flugs zur bewiesenen Tatsache. Selbst Präsident Bill Clinton zeigte sich beeindruckt. Er nutzte die Sternenstunde zu einem wahlkampfträchtigen Auftritt vor dem Weißen Haus: "Ich bin entschlossen, das amerikanische Raumfahrtprogramm mit seiner ganzen intellektuellen Stärke und seiner technologischen Meisterschaft in den Dienst der Suche nach weiteren Beweisen für Leben auf dem Mars zu stellen."

Punktsieg für die Nasa. Das amerikanische Raumfahrtprogramm, das in der Vergangenheit vor allem durch technische Pannen und Budgetkürzungen von sich reden machte, schien wie auferstanden. Und dies alles dank eines kartoffelgroßen, nur 1,9 Kilogramm schweren Gesteinsbrockens.

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