HAMBURG. - Wer die in Hamburg tonangebenden Zeitungen liest, traut sich kaum noch auf die Straße, geschweige denn nach St. Pauli. Morgenpost und Bild schlugen in den vergangenen Wochen Alarm. "Bild zeigt Ihnen die 10 schlimmsten Stellen der Stadt. Taschendiebe auf der Mö. Mädchenhandel auf St. Pauli (Billig-Girls aus Osteuropa). Einbrecher im Westen. Junkies am Bahnhof. Dealer im Schanzenpark." Fazit: "Das Verbrechen versteckt sich nicht mehr." Was steckt hinter diesen aufgeregten Schlagzeilen?

Vor gut einem Jahr gab es in Hamburg einen veritablen Polizeiskandal. Die Polizisten nennen ihn unisono den "sogenannten" Polizeiskandal. Damals kamen gravierende ausländerfeindliche Übergriffe der Polizei zu Tage. Der Innensenator trat zurück. Sein Nachfolger Hartmuth Wrocklage versucht seitdem, die Polizei in den Griff zu bekommen. Ein neues Führungskonzept soll die Polizei effizienter machen. Umorganisationen sind geplant, doch die Widerstände im Apparat sind beträchtlich, er fürchtet um seine Besitzstände. Aus dem Polizeiskandal erwuchs ein Interner Ermittlungsdienst, der Korruption und Übergriffe bei allen Behörden aufdecken soll. Und er zeitigte Erfolge. Sehr rasch wurde der Polizist ausgemacht, der das von den Entführern aufgenommene Reemtsma-Photo an einen Mitarbeiter von Bild verscheuert hatte - gegen Bares.

Im Zuge dieser Ermittlungen war ein Durchsuchungsbefehl für die Redaktionsräume bei Bild erwirkt worden, der nicht vollstreckt wurde, weil die in Frage kommenden Unterlagen herausgegeben wurden. Schließlich sind Durchsuchungen von Zeitungsräumen stets eine sehr heikle Angelegenheit. Und so schlug denn diese Affäre auch ihre Wellen bis in die oberen Etagen des Springer-Hauses. Das Eingreifen der internen Ermittler und der Staatsanwaltschaft wirkte wie ein Schlag in die Magengrube. Denn von Stund an war es für die Reporter der Boulevardblätter sehr viel schwerer, ihre alten Spezis bei der Polizei auszuquetschen. Für die Journalisten war der Schuldige, der auf ihrem Informationsschlauch stand, schnell ausgemacht: Innensenator Wrocklage.

Als dieser sich ins amerikanische Savannah begab, um (Sport fällt in sein Ressort) dort das deutsche Haus den Seglern zu übergeben, gab Bild ihm zwei Aufpasser mit auf die Reise. Sie konnten ihm in die Augen schauen, als er die Explosion einer Bombe aus Hamburg vernahm: Was war passiert?

Der Chefermittler in Sachen Reemtsma, Dieter Langendörfer, hatte in der Manier eines gereizten Hafenarbeiters auf seine Oberen eingedroschen. Den Polizeipräsidenten degradierte er zum Frühstücksdirektor, der von Tuten und Blasen keine Ahnung habe, den Innensenator bürstete er gleich mit ab als einen, der die Polizei kaputtspare. Die Reaktion auf diese harsche Kritik blieb relativ zurückhaltend. Denn der Oberrat vertritt in Personalunion als Gewerkschaftsboß seine Kriminalen. Lediglich seine Berufung als Lehrer für den Führungsnachwuchs der Polizei in Hiltrup wird sich nun etwas verzögern.

Doch die Zeitungen hatten in Dieter Langendörfer ihren langgesuchten Kronzeugen gegen den Innensenator: Das Pflaster der Hansestadt sei sicher für Verbrecher, aber unsicher für die Hamburger, schrieben sie und konnten sich auf Langendörfer berufen. Der frisch aus der Hauptstadt eingeflogene Chefredakteur der Morgenpost, Mathias Döpfner, schüttelte sich: "Hamburg schon jetzt eine Hauptstadt des Verbrechens, entwickelt sich zu einem Paradies für Verbrecher." Bei solchen klaren Worten schüttelt's auch die Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung : "Wer auf der Pressekonferenz des Innensenators war und am nächsten Tag liest, wie einige Hamburger Zeitungen seine Aussagen verdrehen und ihn zu einer Art Politkasper machen, den kann es nur schütteln vor soviel Gehässigkeit."