Dr. Alkis Paraskevopoulos (dt.: Dr. Kraft Sohn-des-Freitags) hat einen Leserbrief geschrieben. Zuerst rühmt er mich sehr, wie sich das gehört, dann kommt Meine Freude war diesmal um so größer, als Harry Rowohlt so schmeichelhaft über einer Ecke Griechenlands schrieb, aus der ich zufällig selbst abstamme, und dann kommt auch schon das dicke Ende: Achtzig heißt nicht oktanda auf griechisch, sondern ogdonta! Na, das gab vielleicht ein Hallo in der ZEIT! Hatte ich mich doch gerade über die Luschigkeit des dortigen Korrektorats ausgelassen! Lieber Horst, bitte, wenn möglich bringen! Danke! Gruß: R. M. schrieb R. M. oben quer über den Leserbrief, dem lieben Horst war es aber offenbar nicht möglich, und so reiche ich ihn nach, sowie auch, ferner, meine Antwort an Dr. Alkis Paraskevopoulos; Sie dürfen sie aber trotzdem lesen. Da bin ich wie Biermann: Wenn der einen Brief an seinen Freund Jürgen schreibt, erscheint der im Spiegel, und man überblättert ihn diskret, weil man nicht Mensch, Jürgen! heißt und fremde Korrespondenz nicht mitlesen möchte.

Lieber Doktor Paraskevopoulos: Ja, ja, ja, macht Euch nur über uns dumme Touris lustig, aber wenn wir mal den Witz mit dem Türken erzählen, der seinen Teppich klopft ("Na, Ali? Springt er nicht an?"), sind wir ausländerfeindlich. Schönen Gruß von Kháris an Alkis (Mann, bin ich froh, daß ich nicht Alkis heiße), H. R.

Als wäre sonst nichts passiert. Dabei brummt hier der Laden. Im Augenblick lebe ich recht auskömmlich davon, daß ich Anfragen abschlägig bescheide. Vorgestern habe ich dem 7 : 1 Kulturkontor Wien, dem Verlag J. F. Schreiber, 3sat, dem Sonntagsblatt und dem Stern (zweimal) abgesagt, gestern dem manager magazin und dpa, heute werde ich, wenn es meine knappe Zeit erlaubt, wohl mal arte einen Korb geben. Das diesjährige (Frankfurter) Buchmessenschwerpunktthema fordert nämlich seinen Tribut, und weil ich akzentfrei "I'll have a pint of stout and a Paddy with a splash of water, please" sagen kann, bin ich als intimer Kenner der irischen Gegenwartsliteratur ausgewiesen, und man sucht meine Expertise, teilweise sogar meine Nähe. Statt rundheraus zuzugeben, daß ich keinen roten Farthing von irischer Gegenwartsliteratur verstehe, schlage ich die Beine übereinander, senke den Blick und sage: "Ich spare mich, wie Sie wissen sollten, für die ZEIT auf."

Und für meine große Herbst-Tingeltour. Herr Bitsche vom Haffmans Verlag ruft an und sagt, einige Veranstalter hätten sich über das häßliche Foto von mir beschwert. "Das ist aber doch ein Geschenk des Himmels!" sage ich. "Diesen Veranstaltern sagt man: ,Herzlichen Glückwunsch! Sie haben soeben eine Dichterlesung mit Reiner Kunze gewonnen!'"

Vor einem Jahr hat Oskar Pastior in der ZEIT Ernst Jandl zum 70. gratuliert. "Dann gratulier ich ihm eben zum 71.", habe ich da gedacht, "und zwar nachträglich." Und das möchte ich jetzt tun, indem ich ihm erzähle, wie ich beinahe seine erste Lesung meines Lebens verpaßt hätte. Das muß so um 1966 herum gewesen sein. In Frankfurt war das frankfurter forum für literatur, und abends wollten wir alle zu Jandl. Gleichzeitig war aber leider auch eine NPD-Veranstaltung mit Adolf "Bubi" von Thadden im "Gesellschaftshaus am Zoo", und da mußte man ja auch hin. Ich hatte ein prunkvolles Schild gemalt -

DIE BRAUNE LIESE IST'S, ICH KENN' SIE AM GELÄUTE. Fr. Schiller, Wilhelm Tell 1. Akt, 1. Szene

-, und das wollte ja auch vorgezeigt sein. Walter Boehlich, schon damals ein Freund des Überdeutlichen, hatte ein Schild getextet - BUBI, GEH NACH HAUSE! DEUTSCHLAND IST SCHON VERLOREN! -, war aber an dem fraglichen Abend persönlich verhindert, weil er seine Pfeifenreiniger frisch beschriften mußte, und Abraham Melzer trug Boehlichs Schild, der Arme. Ein alter Widerstandskämpfer sah uns Schulter an Schulter und rief begeistert: "Rowohlt und Melzer! Hoch die christlich-jüdische antifaschistische Solidarität!" "Ich bin gar kein Christ", sagten Abi und ich leicht irritiert.

Unterdessen waren die NPDler durch die hohle Gasse aus 3 Reihen Gegendemonstranten, 1 Reihe Polizisten, nochmal 1 Reihe Polizisten und nochmal 3 Reihen Gegendemonstranten gekommen und in ihrem Gesellschaftshaus verschwunden, und es wurde allmählich Zeit für Jandl.

Der Einsatzleiter der Bereitschaftspolizei sagte: "Wir müssen hierbleiben, aber ihr könnt doch solang n Schöppsche petze gehn." Und da haben wir unsere Transparente und Schilder in einer Polizei-"Wanne" abgelegt, die Polizei sagte: "Bis Mitternacht halten wir die Stellung", wir gingen alle zu Jandl, haben uns verzaubern lassen, und um 10 vor 12 waren wir wieder vor dem "Gesellschaftshaus am Zoo". Ich holte mein Schild aus der Wanne, Abi holte seins, und die Polizei konnte damit beginnen, die NPDler vor aufgebrachten Gegendemonstranten zu beschützen.

Elisabeth Baroneß von Maltzahn, unsere 5. Kolonne im Gesellschaftshaus, berichtete, Adolf von Thadden habe gesagt: "Ich kenne auch ein Zitat von Schiller! Und zwar "Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an!' Und wie war's bei euch?"

Bei uns war es noch schöner. Helzrichen Grückwunsch, Hell Jandr.