Was ist Scientology? Eine Religion? Eine Firma? Eine Wissenschaft? Eine Psychotherapie? Wenn amtliches Interesse zu befriedigen ist, geben Scientologen seit Jahrzehnten nur noch eine Antwort: Scientology sei eine Kirche, das sage doch schon der volle Name: "Scientology Church". Nun kann der Begriff "Kirche" allein für nichts garantieren, auch Bier darf als "Kirchenbräu", Kräuterschnaps als "Klosterfrau" vermarktet werden, ob nun ein Segen darauf liegt oder nicht. Kirche ist, im Gegensatz zu "Scientology", kein eingetragenes Markenzeichen.

Als der amerikanische Science-fiction-Autor L. Ron Hubbard 1950 sein Unternehmen startete, war zunächst von Religion keine Rede. Das "Buch Eins" der Bewegung heißt "Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit". 1952 wurde in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona eine "Hubbard Association of Scientologists" ins Handelsregister eingetragen, 1954 die "Church of Scientology of California" gegründet. Hubbard schrieb damals: "Es scheint, daß wir jetzt alles hinbekommen werden. Alle Auditoren werden Geistliche sein, und Geistliche haben an vielen Orten besondere Privilegien, einschließlich Steuerund Wohnungsvergünstigungen. Natürlich ist alles eine Religion, was den menschlichen Geist behandelt."

Für die Werbung neuer Anhänger wird das "religiöse" Etikett gern weggelassen. Scientology-Stützpunkte firmieren als "Dianetik-Zentrum" oder "Celebrity Center". Die Hamburger Filiale hieß bis Mitte der achtziger Jahre "College für angewandte Philosophie". In den sogenannten "Front-groups" der "Kirche" kämpfen Managementtraining-Firmen und Unternehmensberatungen um den Zugang zu neuer Gefolgschaft.

Auf den Postwurfsendungen, mit denen der scientologische New-Era-Verlag wirbt, steht nur der kleine Hinweis, Hubbard sei bekannt geworden durch "Scientology, eine religiöse angewandte Philosophie". Der Köder für Labile ist ein kostenloser 200-Fragen-Persönlichkeitstest, der vornehm "Oxford Capacity Analysis" heißt. Oxford ist ein ungeschützter Begriff wie Kirche. Auch Einstein, mit dessen Photo für den Test und die Hubbard-Bücher geworben wird, hatte mit Hubbards Organisation nichts zu tun. Wo immer Scientology drin steckt, klebt Etikettenschwindel drauf.

Diesem Schwindel haben in Deutschland im vergangenen Jahr zwei höchstrichterliche Entscheidungen ein juristisches Ende bereitet: Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte einen Beschluß des Oberverwaltungsgerichts Hamburg aus dem Jahre 1993, wonach der weit überwiegende Teil der Scientology-Aktivitäten gewerblicher Art und deshalb anmeldeund steuerpflichtig ist. Im Klartext: Der Verkauf von Büchern, Kursen, elektrischen Geräten (E-Meter "Lügendetektor") und das sogenannte Auditing sind nicht als Gottesdienst anzusehen. Das Bundesarbeitsgericht ging noch einen Schritt weiter und beantwortete als erstes Bundesgericht die Frage, ob Scientology den grundgesetzlichen Schutz einer Religion für sich in Anspruch nehmen kann, deutlich negativ. In dem 56seitigen Beschluß heißt es unter anderem: "Eine Werbung für eine Religionsgemeinschaft ohne Hinweis darauf, daß es sich um eine Religionsgemeinschaft handelt, ist ungewöhnlich. Man kann sie in Anlehnung an eine Gesetzesbezeichnung (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) als unlauter bezeichnen." Eine Institution, die für die Mitgliederwerbung Provisionen zahle, könne "keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft" im Sinne des Grundgesetzes sein.

Die Bundesrichter weisen in ihrem Beschluß auch auf "menschenverachtende Anschauungen" und "totalitäre Tendenzen" der Scientology-Organisation hin, womit sie den etwas absonderlichen Expertenstreit - Sekte oder Wirtschaftsunternehmen - hinter sich lassen. Langsam verbreitet sich die Einsicht, daß es weder um Religion noch um Profit zugunsten einzelner geht, sondern um Macht über Menschen, um Gleichschaltung, um Herrschaft. Scientology ist eine Machtmaschine. Ihr Ziel: die scientologische Welt namens "Clear planet". Eines der Etappenziele: "Clear Germany".