Los Angeles - Stars trifft man heute nur noch selten auf dem heruntergekommenen Hollywood Boulevard. Dafür um so mehr Scientologen: Ganz in der Nähe des berühmten Kinos El Capitan betreibt die Sekte ein Zentrum für Persönlichkeitstests. Schräg gegenüber hat ihr verstorbener Gründer L. Ron Hubbard sein eigenes Museum. Und der Betonbau einige Blocks weiter, einer der wenigen mit heiler Fassade, ist das kalifornische Hauptquartier der selbsternannten "Kirche".

Auch sonst hat die Church of Scientology in der Filmstadt im Norden von Los Angeles fest Fuß gefaßt: Tom Cruise, John Travolta, Lisa Marie Presley - einige bekannte und noch mehr unbekannte Schauspieler sind in ihrem "Celebrity Center" Stammgäste. Außerdem beschäftigt die Organisation in Hollywood mittlerweile rund 2000 Mitarbeiter - fast so viele wie die Traditionsstudios Paramount und Universal Pictures.

Hollywood, immerhin das weltweite Symbol für den American Dream, droht zum Hubbardwood zu werden. Doch die Mehrheit der Menschen auf dieser Seite des Atlantiks läßt das offenbar kalt: Niemand stellt sich hier protestierend vor Kinos, in denen Tom-Cruiseoder John-Travolta-Filme laufen. Keine Regierung würde Chick Corea oder Al Jarreau aus öffentlich geförderten Konzerten verbannen oder gar Scientologen grundsätzlich das Lehramt verweigern.

Im Gegenteil: Soeben beschwerten sich in Washington Mitglieder des Kongresses bei Außenminister Warren Christopher über die "religiöse Diskriminierung" amerikanischer Bürger durch deutsche Regierungsstellen. Christopher solle wegen der "Verletzung der Menschenrechte" schleunigst in Bonn vorstellig werden, fordern die Politiker in ihrem Brief; unter den Absendern immerhin Persönlichkeiten von politischem Gewicht wie Chris Dodd von Bill Clintons Demokratischer Partei.

Diese Gelegenheit ließ sich Heber Jentzsch, Präsident der Church of Scientology International, nicht entgehen. "Die religiöse Apartheid ist unentschuldbar", trumpfte er vergangene Woche in einer Presseerklärung auf. "Helmut Kohl hat die Pflicht, den Haßverbrechen ein Ende zu setzen, die seine Untergebenen in Partei und Regierung begehen. Er muß wohl daran erinnert werden, daß 1996 nicht 1936 ist."

Zwei Kulturen, zwei Freiheiten? Der Unterschied ist jedenfalls offenkundig: das Prinzip der "wehrhaften Demokratie" auf der einen, das Konzept des "Marktplatzes der Ideen" auf der anderen Seite des Atlantiks. Schon in der Grundschule lernt jedes Kind zwischen New York und Los Angeles vor allem zwei Geschichtslektionen: daß die ersten weißen Amerikaner religiöse Flüchtlinge waren - ob die Pilger auf der Mayflower oder später die Amish People oder die Mormonen. Und daß die Rechte Andersdenkender vor der Macht der Mehrheit geschützt werden müssen - oder es drohten Hexenjagden wie Ende des 17. Jahrhunderts in Salem im Bundesstaat Massachusetts.