In den fünfziger Jahren haben die Menschen auf die Frage, welche Ziele sie anstreben, klar und eindeutig geantwortet: ein glückliches Familienleben, ein Einfamilienhaus, das neue Auto, die gute Ausbildung für die Kinder und die Erhöhung ihres Lebensstandards. Heute spricht man eine andere Sprache, die um die Suche nach der eigenen Individualität und Identität kreist.

Das ist auch sozial bedeutsam: Im Gegensatz zum traditionalen Wertsystem, wo Erfolg stets relativ eindeutig definiert war (Einfamilienhaus, Auto et cetera), kann sich heute keiner mehr wirklich im klaren sein, wann er das, was er sucht, gefunden hat und wie er anderen von seinem Erfolg verbindlich und überzeugend Nachricht geben kann. Also geraten die Menschen immer nachdrücklicher in das Labyrinth der Selbstverunsicherung, Selbstbefragung und Selbstvergewisserung.

Zugleich führt der (unendliche) Regreß der Fragen "Bin ich wirklich glücklich? Bin ich wirklich selbsterfüllt? Tue ich wirklich das, was ich tun will? Wer ist das eigentlich: ,ich`?" in immer neue "Antwort-Moden". Diese wieder können in Märkte für Experten, Industrien und Religionsbewegungen umgemünzt werden. Besessen von dem Ziel der Selbsterfüllung, reißen sich viele Menschen selbst aus der Erde heraus, um nachzusehen, ob ihre eigenen Wurzeln auch wirklich gesund sind.

Dieses Wertsystem des eigenen Lebens ist massiver Kritik ausgesetzt, wobei vor allem in der Politik häufig von "Anspruchsinflation" und "Ellenbogengesellschaft" die Rede ist. Wer so klagt, verkennt, daß die Philosophie des eigenen Lebens, die im Alltag Wurzeln schlägt, gerade die Geburtsstätte einer Querköpfigkeit ist, welche die geschenkte Demokratie in Deutschland noch bitter nötig haben kann.

Die Moral des eigenen Lebens bejaht, was öffentlich beklagt wird: ohne Ich kein Wir. Wir nur als selbstbestimmtes Wir, nicht als Vorgabe, nicht als Summe, nur als Zustimmung der Individuen.