Die weißen Flecken sind von der Weltkarte verschwunden. Wer Exotik sucht, kann sie vor der Haustür finden, in manchen Straßenzügen der Bronx oder der Pariser Banlieue, im Londoner Stadtteil Brixton oder unter den Rudimenten des Ländlichen, in den letzten Herrgottswinkeln, die von der europäischen Agrarpolitik noch übersehen wurden. Vorbei die Zeiten, da das Ferne auch das Fremde garantierte.

Der Ethnologie, ein Jahrhundert lang wissenschaftliche Begleiterin von Kolonisation und Dekolonisation, wurde damit buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Die eine Welt teilt sich mittlerweile dieselben Autobahnen und Supermärkte, den ewig gleichen sozialen Wohnungsbau oder die Kühle der Airportlounge. Kann sich der Ethnologe heute die Reise sparen und gleich mit dem oft befremdlichen Nebeneinander der Kulturen in London, Paris oder Los Angeles beschäftigen? Und muß er dann nicht die Koffer wegschließen und um Asyl bei den Soziologen bitten, die sich mit der multikulturellen Gesellschaft bei uns oder mit der Verstädterung der Dritten Welt schon ganz gut auskennen?

Der Pariser Anthropologe und Afrikanist Marc Augé wehrt bei dieser Frage heftig ab. Zum einen hätten sich zwar die Verhältnisse auf dem klassischen Terrain des Ethnologen, ob nun in Westafrika oder am Amazonas, tiefgreifend verändert gegenüber den goldenen Jahren der Disziplin. An Aufgaben für den Feldforscher aber fehle es darum nicht. Er selbst teilt sich seine Arbeit jedenfalls weiterhin zwischen dem Pariser Seminar und seiner Forschung über die Propheten der Elfenbeinküste ein. Und zum anderen, warnt der Anthropologe, übersehe der modische Vorwurf, wonach im Zuge der Globalisierung dem Ethnologen nur der Rückzug auf die eigene Kultur bleibe, die positive Wirkung dieses neuen Interesses: "Es handelt sich keineswegs um eine Anthropologie der mangelnden Gelegenheit."

Dem Vorwurf allerdings hatte Marc Augé mit drei Studien - er nennt sie experimentelle Texte - selbst Vorschub geleistet. Im Jahre 1985 legte er mit "La Traversée du Luxembourg" eine so kurzweilige wie ernst gemeinte Analyse von Pariser Gewohnheiten vor, wie sie sich im Kommen und Gehen, Verweilen und Zerstreuen im Jardin du Luxembourg ablesen lassen. Ein Jahr später schlüpfte der Wissenschaftler - damals frisch gewählter Präsident der hochangesehenen cole des Hautes tudes en Sciences Sociales und damit erster und bis heute einziger Nichthistoriker an der Spitze dieses Forschungszentrums - in die Rolle des "ethnologue dans le métro". Der erste Anthropologe der Pariser U-Bahn beschrieb ihr Netz und die Namen ihrer Stationen, ihre Passagiere und ihre Passagen zwischen Arbeit und Freizeit, Zentrum und Peripherie, Tag und Nacht als eine Form der Einsamkeit. Die Metro werde zum Sinnbild des Sozialen, das sich unschwer in allen Gesellschaften nachweisen lasse: "Jede Gesellschaft hat ihre Metro, zwingt jedem Individuum Wege auf, bei denen dieses ganz besonders den Sinn der Beziehung zu anderen zu spüren bekommt." Schließlich folgte 1989 als vorerst letzter experimenteller Text das Bändchen "Domaines et châteaux", gewidmet den Kleinanzeigen in französischen Zeitschriften, darunter dem linksintellektuellen Nouvel Observateur, die den Durchschnittsfranzosen über briefmarkengroßen Amateurphotos von hochherrschaftlichen Anwesen und Schlössern träumen läßt, halb Erinnerung an die Lektüre aus Kindertagen, halb Echo aristokratischer Zeiten, die Frankreichs Landschaft und Seelenlandschaft bis heute prägen.

"Das war Spiel, nicht Untersuchung", erklärt Marc Augé heute. "Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich als Eingeborener einem Ethnologen aus Afrika, also seinerseits einem Eingeborenen, auf seine Fragen antworten würde." Damit stellte sich der Pariser Anthropologe im übrigen bewußt in eine Tradition, die bis zur Literatur der Aufklärung zurückreicht, zu Montesquieus "Persischen Briefen" etwa oder Voltaires "L'Ingénu"; der Autor betrachtet dabei die eigene Welt mit fremden Augen. Daran hat die Wissenschaft vom Fremden und Fernen, als die sich Ethnologie und Anthropologie meist verstehen, schließlich geglaubt: Wer einmal in der Ferne lebt und arbeitet, der erzieht seinen Blick - und kann nach der Rückkehr die eigene Gesellschaft luzide betrachten.

Was aber geschieht, wenn das Auge daheim zusehends auf Befremdliches und draußen, in der Fremde, wieder und wieder auf Bekanntes trifft? Genau dieser Frage gelten Augés jüngste Arbeiten: In "Orte und Nicht-Orte", 1994 bei S. Fischer auf deutsch erschienen, wendet sich der Autor bei seinen "Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit" (so der Untertitel) der modernen Unbehaustheit zwischen Autobahn und Airport, allgegenwärtiger Warenwelt und ubiquitärem Kommunikationsmittel zu. Ebenfalls 1994 legt Marc Augé seinen Essay "Pour une anthropologie des mondes contemporaines" (bei Aubier, Paris) vor. Im Titel wie im Verfahren werden die "Welten der Gegenwart" dabei in den Plural gesetzt. Augé geht von der Globalisierung und Vereinheitlichung der Welt aus und verwirft doch die These von ihrer Uniformisierung: Neben der Globalisierung entwickle sich vielmehr eine wachsende Regionalisierung, eine "kulturelle Polyphonie". Salopp formuliert, erleben wir in der Ära des globalen Internet die "Rückkehr", besser wohl das Erstarken des Stammes, in Ruanda, auf dem Balkan oder in den heißen Zonen westlicher Vorstädte. Bill Gates ist ein Zeitgenosse des Schlächters Mladic.