Um sechs Uhr ist das Museum of Mankind , die ethnographische Abteilung des berühmten British Museum in London, schon geschlossen. Wir müssen durch den Dienstausgang hinaus. Treppab, treppauf, durch Türen links, durch Türen rechts, vorbei an einem wie besessen auf seiner Computertastatur klappernden Menschenwesen, vorbei an Stahlspinden und schäbigen Schränken. Irgendwann tauchen wir unvermittelt in einer Seitenstraße in der Nähe von Piccadilly aus einem dunklen Kellereingang in den abendlichen Sonnenschein.

Von vorn sieht alles so einfach aus. Ein imposantes Gebäude, klare Linien, breite Stufen zum Haupteingang hinauf.

Völkerkunde (f.): Erforschung der Kultur der Völker, bes. der Naturvölker; Sy Ethnologie. So steht es im Wörterbuch. Unter "Anthropologie" heißt es: "Wissenschaft vom Menschen, von den Menschenrassen". Sobald man Fragen stellt, wird es verwirrend wie in dem Labyrinth im Rückgebäude des Museum of Mankind.

Was ist Kultur? Was ist ein Naturvolk? Was unterscheidet einen Ethnologen von einem Anthropologen? Von einem Soziologen? Oder von einem Kunsthistoriker? Beschreibt die Völkerkunde gar nur eine Grenze, die zu Ende des 20. Jahrhunderts kaum mehr ernst zu nehmen ist - die Grenze zwischen "Menschen wie wir" auf der einen Seite und allem "Fremden" auf der anderen?

Nigel Barley wurde Ende der siebziger Jahre von solchen Zweifeln heimgesucht. Er hatte zwei Jahre Feldforschungen über religiösen Symbolismus im Kamerun betrieben und versuchte, ein Buch darüber zu verfassen. Er schrieb und schrieb um und redigierte, und jedesmal wurde das Werk dünner. Bis kaum mehr etwas übrigblieb. Dann begann er von neuem und schrieb ein ganz anderes Buch, "Der unschuldige Anthropologe". Es gehört heute zur Standardlektüre jedes angehenden britischen Völkerkundlers.

Barley ist stellvertretender Leiter des Department of Ethnography am British Museum. Einer jener Menschen, bei denen man ständig auf der Hut sein muß, daß man nicht einen witzigen Seitenhieb verpaßt. Oder gar daß man eine ironisch gemeinte Bemerkung allzu wörtlich nimmt. Seine Miene verrät so gut wie nichts. Er schwelgt geradezu im melt down seiner Disziplin: "Alles, was uns geblieben ist, ist eine vage Vorstellung von Kultur."