Die Schreckensmeldungen wiederholen sich: Immer wieder berichten Korrespondenten über die islamische Bedrohung in aller Welt, über die menschenverachtenden Parolen, die Gewalt und Repression fundamentalistischer Gruppen. Während die westliche Industriegesellschaft neugierig hinsieht und dabei ihre islamischen Feindbilder vervollständigt, zeigt sie zugleich kein Interesse für die islamischen Gemeinschaften im eigenen Land. Etwa 2,5 Millionen Muslime leben in Deutschland, davon 80 Prozent Türken, die - weitestgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit - ihre eigene soziale und religiöse Welt geschaffen haben: Rund 1600 Vereine beziehungsweise Moscheen sind entstanden.

Diese Einrichtungen sind zu einer wichtigen Anlaufstelle für Teile der etwa 400 000 türkischen Jugendlichen zwischen 15 und 21 Jahren geworden: für die "Inländer mit türkischem Paß" und "Kinder der Gesellschaft", die auf die Mißachtung ihrer Kultur durch die Deutschen besonders sensibel reagieren. Seit einiger Zeit ist zu beobachten, daß sich junge Türken re-islamisieren und sich dabei auch islamistischen Organisationen zuwenden. Auch bei der Beurteilung dieses Trends droht sich ein einfaches Schema durchzusetzen: dramatisierende Bedrohungsszenarien einerseits sowie entlastende Verharmlosungen und Tabuisierungen andererseits. Gegen beide Sichtweisen wendet sich die erste empirische Untersuchung zu dieser Problematik, zu der 1221 türkische Jugendliche befragt wurden.

Eine Untersuchung islamisch-fundamentalistischer Orientierungen ist besonders schwierig, denn sie muß vermeiden, daß der Islam mit Fundamentalismus gleichgesetzt wird. Außerdem gibt es "den" einheitlichen Fundamentalismus nicht. Statt dessen ist der Verbreitung und den Ursachen von Sichtweisen nachzugehen, in denen der islamische Glaube zu einer politischen Ideologie umgedeutet und teilweise sogar mit Gewalt verbunden wird.

Wenn man so vorgeht, erscheint zunächst die persönliche Religiosität in der muslimischen Gemeinschaft unabhängig von fundamentalistischen Positionen. Es stellt sich heraus, daß der Islam bei 68 Prozent der hier aufgewachsenen Jugendlichen eine große Bedeutung hat, so daß dies Anerkennung finden muß. Dabei wird klar, wie stark die Anziehungskraft der Gemeinschaft auf den einzelnen ist. Selbstvertrauen wird vor allem aus der Zugehörigkeit zur Umma, also der religiösen Gemeinschaft, geschöpft. Die meisten Jugendlichen gehen mit religiösen Anforderungen pragmatisch um und sehen keinen Widerspruch zwischen ihrem islamischen Glauben und dem Leben in einer modernen westlichen und dem Anspruch nach demokratischen Gesellschaft. Wesentlicher Bestandteil des Glaubens bleibt aber die Suche nach Gewißheiten, die in einer modernen Gesellschaft kaum noch zu finden sind. Die Frage ist nun, wie dieser Umstand verarbeitet wird. Arrangiert man sich mit den neuen Ungewißheiten, oder sucht man sein Heil in anderen Sichtweisen, die westliche Sitten und westliche Politik für das Verschwinden der alten Gewißheiten verantwortlich machen?

Aus diesem Grunde interessieren vor allem drei Problemkreise, die wir zu den Voraussetzungen dafür zählen, daß Jugendliche islamisch-fundamentalistische Sichtweisen akzeptieren oder übernehmen.

Als erstes muß ein Blick auf ein wichtiges "Bindeglied" zum islamisch-fundamentalistischen Kern geworfen werden, das wir mit islamischem Überlegenheitsanspruch beschrieben haben. Dieser zeigt sich in einer monopolistischen Weltdeutung und in einer scharfen Abgrenzung zwischen Gläubigen und abgewerteten Ungläubigen. Insgesamt stimmen 54 Prozent der befragten Jugendlichen solchen Positionen zu. Nun bedienen sich mehrere Religionen solcher Überlegenheitspostulate; die besondere Problematik liegt hier allerdings in der engen Verbindung von Religion und Politik.